Leseprobe
Gestohlenes Vertrauen von Elizabeth Naughton
2
Vier Stunden später
Über den Zustand des Völlig-ausgedörrt-Seins war sie schon seit zwei Stunden hinaus.
Haileys Blicke schweiften über die Gäste der Players Sports Bar, als sie die Seitentür aufstieß und das verrauchte Lokal betrat. Es war fast zehn Uhr, sie war drei Stunden später hier, als sie geplant hatte. Sie blickte sich im Raum um, konnte aber niemand Bekannten sehen. Der geheimnisvolle Dunkle war ohne Zweifel längst verschwunden, aber bei ihrem Glück in letzter Zeit war das wahrscheinlich eher ein Segen.
In der hinteren Ecke fand sie einen leeren Tisch, streifte die dicke Winterjacke ab, die sie sich im Auto angezogen hatte, und setzte sich mit dem Rücken zur Wand, sodass sie die Eingangstür im Auge behalten konnte, nur für alle Fälle. Ihr war sehr wohl bewusst, dass das eine ihrer Schwächen war, die sie gegenüber Billy - oder irgendjemand anderem - niemals zugeben würde, doch das konnte sie nicht abhalten. Denn sie flirtete schon allein durch ihre Anwesenheit hier mit der Gefahr. Aber so sehr sie auch versucht hatte, sich selbst diesen kleinen Abstecher auf ihrem Rückweg nach Lake Geneva auszureden, am Ende hatte die Neugier gesiegt.
Eine Kellnerin kam und nahm ihre Bestellung auf. Minuten später spürte sie den Geschmack von Hopfen auf ihrer Zunge und ließ sich genüsslich die goldene Flüssigkeit die Kehle hinunterlaufen. Sie brauchte das, nach dem, was sie durchgemacht hatte. Hatte es sich verdient, nach allem, was sie hatte ertragen müssen.
Billy war im Wagen fast durchgedreht, während sie in diesem Haus gewesen war, doch von Hailey konnte er kein Mitleid erwarten. Schließlich hatte er ja nicht miterleben müssen, wie Bryan und Lucy sich gegenseitig das Hirn herausgevögelt hatten. Die Erinnerung daran ließ sie erschaudern. Sie nahm noch einen tiefen Schluck. Ganz zu schweigen von der hübschen Verletzung in ihrem Arm, verursacht durch eine Metallfeder, die sie deren Gymnastikübungen zu verdanken hatte. Zum Glück hatte sie sich vor Kurzem gegen Tetanus impfen lassen, aber die Wunde tat trotzdem scheußlich weh. Das einzig Gute an diesem ganzen Martyrium war, dass sie bekommen hatte, was sie wollte.
Klassischer Rock aus den Achtzigern dröhnte aus einer Jukebox im hinteren Teil des Raums. Billardkugeln klackten gegeneinander und prallten an die Bande. Einige Collegeschüler um die zwanzig spielten an der gegenüberliegenden Wand Darts, tranken und lachten, als gäbe es keine Probleme auf der Welt. Sie sah zu den Flachbildfernsehern über der Bar hinüber, auf denen die Sportnachrichten von E SPN liefen, und ihre Nerven und ihr Herzschlag beruhigten sich allmählich wieder.
Ein Bier. Dann würde sie wieder verschwinden. Da sie mit zwei Autos in die Stadt gefahren waren, hatten sie und Billy sich getrennt, nachdem sie endlich wieder aus dem Haus gekommen war. Wenn sie nicht bald nach Lake Geneva zurückkehrte, würde er anfangen, sich Sorgen zu machen. Da sie jetzt wusste, wo der geheimnisvolle Dunkle nach der Arbeit herumlungerte, war ihre Neugierde ein Stück weit befriedigt. So dass es mindestens für die nächsten paar Monate reichen würde. Ihm ausgerechnet heute Abend in die Arme zu laufen, war sowieso nicht besonders ratsam.
Sie trank ihr Bier aus und war gerade dabei, einen Zehner aus der Hosentasche herauszufischen, als die Glocke über der großen, alten Eichentür an der Vorderseite der Bar läutete. Und Detective Shane Maxwell eintrat.
Ihr Magen schlug einen Purzelbaum, und ihre Hand erstarrte in ihrer Hosentasche. Obwohl sie versuchte, ihren Puls ruhig und gleichmäßig zu halten, preschte er wieder in den dreistelligen Bereich vor. Genauso wie vor drei Monaten, als sie ihm in Key Biscayne begegnet war. Genauso wie kurz darauf, als sie auf der Hochzeit ihres Exmanns und Maxwells Schwester in Puerto Rico fast die ganze Nacht miteinander getanzt und geredet hatten. Genauso wie jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, selbst jetzt.
Okay, herzukommen, war eine saublöde Idee gewesen. Aber ihr Gehirn hatte ihr in all den Monaten wohl doch keinen Streich gespielt. Er sah noch genauso hinreißend aus wie damals. Groß, schlank und athletisch, mit natürlich gebräunter Haut, geheimnisvollen Augen in einem tiefen Schokoladenton und zerzaustem, dunklem Haar. Da sie ihn auf Rafes Boot in Florida in Shorts und T-Shirt gesehen hatte, wusste sie, dass der Körper unter seiner verwaschenen Jeans und der abgetragenen Lederjacke in Topform war. Schon allein sein Anblick reichte aus, um ihre Hormone kopfstehen zu lassen.
Wirklich, wirklich blöde Idee. Sie stand eindeutig noch unter dem Einfluss eines Adrenalinrausches durch ihre abendlichen Unternehmungen, denn sie fühlte sich absolut nicht in der Lage, ihm entgegenzutreten. Zumindest nicht heute Abend.
Als sie nach ihrer Jacke griff, die über der Stuhllehne hing, hörte sie die donnernde Stimme des Barkeepers rufen: »Hey, Cop. Wie wär's mit einem schönen kalten Bier?«
Die Geräusche der Bar schienen in den Hintergrund zu treten, und von ihrem Platz in der Nähe des hinteren Flurs aus konnte sie Shanes tiefe, sexy Stimme hören - deren Klang sie nur allzu gut kannte. »Mick, du kannst Gedanken lesen.«
»Langer Tag?«
»Länger als die Home Run-Serie von Barry Bonds.«
Es wurde eingegossen, und das Glas klapperte auf der hölzernen Theke. Und die Tatsache, dass Hailey sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte, als darauf, was am anderen Ende des Raumes geschah, war ein großes rotes Warnsignal dafür, dass es höchste Zeit für sie war, zu gehen.
Sie schnappte sich ihre Jacke und drehte sich um, ohne Shane anzusehen, und merkte viel zu spät, dass sie in der Falle saß. Der Flur mit der Backsteinwand führte zu einem Münztelefon und den Toiletten. Der Seitenausgang zu der kleinen Gasse zwischen diesem Gebäude und dem nächsten befand sich gefährlich nah an dem Ende der Bar, wo er saß. Vorhin, als das Treiben in der Kneipe und das Interesse an dem Bericht über das Spiel der Cubs, das auf dem großen Bildschirm lief, die Gäste abgelenkt hatte, hatte sie sich ziemlich unauffällig hereinschleichen können. Aber jetzt hatte sie keine Chance, durch diese Seitentür zu entkommen, ohne dass Shane sie bemerkt hätte.
Mist.
»Hast du in den Nachrichten das mit Blane gesehen?«, fragte der Barkeeper.
»Musste ich gar nicht«, sagte Shane. »Hab schon in der Stadt davon gehört.«
»Oh, Mann. Dieser Anfänger. Mit den Cubs hätte er für sein Leben ausgesorgt, wenn er wollte, als lokales Supertalent und so, und dann lässt er sich mit diesem Mädchen ein. Was hat er sich bloß dabei gedacht?«
»Gar nichts«, sagte Shane und setzte sein Glas wieder auf der Theke auf. »Wie die meisten dieser Burschen, wenn ein Mädchen im Spiel ist.«
»Der ganze Stolz von Chicago, meine Fresse«, sagte der Barmann mit einem verächtlichen Schnauben. »Das Mädel zeigt ihm ihre Titten, und es ist um ihn geschehen. Meinst du, die Beschuldigungen werden sich halten?«
»Keine Ahnung«, antwortete Shane seufzend. »Sieht aber nicht gut aus für den Stolz von Chicago.«
In Haileys Kopf drehte sich alles, während sie versuchte, das Gespräch auszublenden. Vielleicht gab es in der Toilette ein Fenster. Falls ja, könnte sie doch noch ungeschoren davonkommen.
»Ein paar neue Gesichter hier drin«, stellte Shane fest, während Hailey auf den Flur zuhastete. »Machen die College-Kids da hinten dir irgendwelchen Är-«
Sie war nicht sicher, ob er aufgehört hatte zu reden oder ob es ihr endlich gelungen war, seine Stimme abzublocken. So oder so würde sie froh sein, wenn sie draußen war. Hailey zog die Tür zu der aus nur einem Raum bestehenden Toilette zu und schloss ab. Und fluchte, als sie kein Fenster sah. Verdammt, nichts lief wie geplant. Nicht, dass das je anders gewesen wäre.
Was machte er so spät noch hier? Lisa hatte gesagt, dass er für gewöhnlich nach seiner Schicht noch kurz auf ein Bier vorbeikam - normalerweise zwischen sechs und sieben. Und nicht spätabends um zehn!
Okay, also denk nach. Sie konnte wieder hinausgehen und hoffen, dass er so in ein Gespräch vertieft sein würde, dass er sie nicht bemerkte, oder warten.
Aus unerfindlichen Gründen erschien Warten ihr tausendmal besser, als sich in die Höhle des Löwen zu begeben.
Sie lief nervös auf und ab. Setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel. Sagte sich, wie kindisch sie sich verhielt. Wenn er sie sah, konnte sie ihm doch einfach sagen, dass sie geschäftlich in der Stadt war - was ja auch stimmte -, ihn in ein kurzes Gespräch verwickeln - wie ursprünglich geplant - und dann schleunigst hier verduften. Ganz einfach.
Sie stand auf und betrachtete sich in dem Spiegel über dem Waschbecken. Das Make-up verdeckte gut ihr blaues Auge und den Bluterguss auf der Wange, und sie war ziemlich sicher, dass in der schummerigen Beleuchtung der Bar niemand merken würde, dass sie kürzlich verdroschen worden war. Sie zog das Haarband heraus, sodass die Locken teilweise ihr Gesicht verdeckten. Nicht der Brüller, aber besser als vorher. Sie nahm die Hände herunter, schob den Ärmel ihres Pullis hoch und sah sich den Schnitt auf der Rückseite ihres Arms an.
Der Verband, den Billy ihr im Lieferwagen verpasst hatte, war voller Blut, aber es war kein frisches, was bedeutete, dass die Wunde aufgehört hatte zu bluten. Wenigstens ein gutes Zeichen. Sie presste die Zähne aufeinander. Bryan, dieser Idiot. Noch ein Grund, warum sie sich dessentwegen, was sie heute getan hatte, nicht schuldig fühlte.
Sie zog den Ärmel wieder herunter, rollte die Schultern und ermahnte sich selbst, mit dem Versteckspielen aufzuhören.
Sie hörte Gelächter und Musik, klingende Gläser und den Ton von SportsCenter auf ESPN von der Bar, als sie in den abgedunkelten Flur hinaustrat. Kein Shane. Ihr Atem floss wieder leichter, sie drehte sich um - und prallte geradewegs gegen eine sehr feste und sehr vertraute Brust.
»Sie sind in Tallahassee falsch abgebogen, Officer Roarke.«
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, sie blickte auf, dankbar, dass es im Flur dunkel genug war, um ihre blauen Flecken zu verbergen, und sah dieses kleine Halbgrinsen, das ihn so sexy machte. Wie würde er erst aussehen, wenn er richtig lächelte!
»Ich ... « Bumm, bumm, bumm. Von einem Moment zum anderen hatte sie sich in der Glut seiner Augen verloren, genauso wie vor drei Monaten. »Hi.«
»Selber hi.« Shanes Stimme war sanft wie ein Flüstern und doch so gefährlich wie die erste Berührung eines Geliebten.
Und er war so nah, dass sie die Hitze spürte, die sein muskulöser Körper ausstrahlte, und das Bier roch, das er gerade getrunken hatte. »Du bist die letzte Person, mit der ich im Januar in Chicago gerechnet hätte. Was machst du denn hier?«
Oh, Mann. Was sollte sie darauf bloß antworten?
Sie musste sich wirklich zusammenreißen. Sie hatte jetzt schon so viele Probleme, dass sie ihr für den Rest ihres Lebens reichten. Ihr Arm schmerzte, ihr Gesicht tat weh und ihr Adrenalinspiegel stieg schon wieder ins Unermessliche. Aber genauso, wie sie es in Puerto Rico auf der Hochzeit damals gemacht hatte, ließ sie die rationale Hälfte ihres Gehirns, die sie warnte, dass sie mit dem Feuer spielte, wenn es um ihn ging, links liegen. »Ich hatte hier zu tun. Also, nicht hier. Ähm, in Lake Geneva, meine ich. Aber ich hatte in der Stadt ein paar Sachen zu erledigen.«
Lügnerin.
Hatte sie es wirklich für eine gute Idee gehalten, ihm heute Abend zu begegnen?
Großer Gott. Sie war tatsächlich dabei, den Verstand zu verlieren.
»Sachen, wie ganz allein in einer Kneipe herumzuhängen?« Das Funkeln in seinen Augen sagte ihr, dass er versuchte, sie zu ködern, und dass sie vorsichtig sein musste.
Und wie die letzte Idiotin ignorierte sie es.
»Nein. Die Idee ist mir erst später gekommen.« Und es war eine blöde Idee. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen.
»Soso, erst später«, sagte er und betrachtete sie aufmerksam. Er deutete mit dem Daumen über die Schulter hinter sich. »Bei diesem Haufen wundert es mich, dass es nicht deine erste Idee war. Was hat eine Streifenpolizistin aus Key West denn dienstlich hier oben zu tun?«
»Gar nichts. Ich meine, eine Streifenpolizistin nicht. Aber ich schon. Ich nehme eine Auszeit. Also, eigentlich bin ich beurlaubt.« Reizend. Jetzt konnte sie nicht einmal mehr einen zusammenhängenden Satz bilden. Wenn das kein Zeichen dafür war, dass sie hier wegmusste.
»Und warum?«
Anscheinend hatte seine Schwester ihn nicht über ihre Familie auf dem Laufenden gehalten. Wahrscheinlich, weil sie angenommen hatte, dass es ihn nicht interessierte. Und warum sie das so ärgerte, war genauso unerklärlich wie die Tatsache, dass sie nicht längst das Weite gesucht hatte.
»Weil mein Vater gestorben ist. «
»Was? Wann denn?«
»Vor zwei Wochen. Herzinfarkt.«
»Oh, nein. Tut mir leid.«
Sie musste den Blick abwenden, weil das Mitgefühl, das sich in seinen Schokoaugen sammelte, plötzlich zu viel für sie war. Und weil es, auch wenn sie und ihr Vater sich in letzter Zeit nicht mehr begegnet waren, eine Zeit gegeben hatte, in der sie sich nahegestanden hatten, vor einer Ewigkeit. Die Erinnerung daran blieb, und sie schmerzte, ein bisschen, in der Brust, jedes Mal, wenn sie daran denken musste, dass sie ihn nie wieder sehen würde.
»Wenn ich irgendetwas für dich tun kann -«
Sie winkte ab und riss die Augen von seiner starken Brust los. »Nein. Danke. Wirklich. Mir geht's gut. Es kam nicht völlig überraschend. Seine Gesundheit war in letzter Zeit nicht so besonders. Vor sechs Wochen hatte er mich gebeten, in der Firma auszuhelfen. Ich mache das aber nur so lange, bis ein neuer Geschäftsführer ernannt werden kann.«
Zweifache Lügnerin.
»Und was machst du in Lake Geneva?«
»Ach. Ähm. Wir sind mitten in der Bauphase für ein neues Resort dort. Dummerweise liegen wir im Zeitplan weit zurück. Nach allem, was die Beerdigung meines Vaters und so mit sich gebracht hat, war es die erste Gelegenheit für mich, herzukommen und mir ein Bild von der Lage zu machen.«
Er nickte langsam, und wieder musste sie wegsehen, weil sie seinen Augen einfach nicht standhalten konnte. Sie erinnerten sie an den Tanz und das Lachen und seine Hände auf ihren Hüften, daran, wie sein Körper sich an ihren presste, wie sein Atem über ihre Wange streifte und an alle erdenklichen Orte, an die sie in jener lauen Nacht in Puerto Rico hätten gehen können, wenn er nicht fortgegangen wäre.
Bei dem Gedanken daran erhitzten sich ihre Wangen, und sie wich einen Schritt zurück, um den Bann zu brechen, in den sie zu geraten drohte. Sie hatte drei Monate lang von ihm fantasiert, doch die Wahrheit war: Wenn er wirklich interessiert gewesen wäre, dann hätte sie bereits etwas von ihm gehört. Die Tatsache, dass das nicht der Fall war, sollte sie sich hinter die Ohren schrei ben. Ebenso wie die Tatsache, dass das Letzte, woran sie im Moment denken sollte, ein Kerl war.
»Ich sollte jetzt gehen«, sagte sie.
»Was? Du kannst noch nicht gehen. Ich bin doch gerade erst gekommen. Komm, ich geb dir einen aus.«
Etwas trinken? Mit ihm? Und diesen Augen, die so sexy glühten? Oh nein.
»Ich kann nicht«, sagte sie schnell. »Ich muss heute Nacht noch nach Wisconsin zurückfahren, bevor die Straßen zu sehr überfrieren. Und ganz nebenbei habe ich meine Cubs-Schmerzgrenze für heute erreicht. Genau genommen hatte ich sie schon bei den Play-offs erreicht, glaube ich.«
Er lachte in sich hinein, ein weicher, voller Klang, der den Boden zum Vibrieren zu bringen und bis in ihre Zehen zu dringen schien. »Das ist hier so eine Art Religion.«
»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Das Frühjahrstraining hat ja noch nicht einmal begonnen.«
»Wenn es in zwei Wochen den Pitchers Report gibt, werde ich gar nicht schnell genug hierherkommen können.« Dann grinste er, und, oh ja, die ganze Wucht dieses Lächelns war eindeutig zu viel für sie. Sie musste ihren Blick auf die Tür richten, um ihn nicht anzustarren. Noch ehe ihr eine Möglichkeit einfiel, sich von ihm zu verabschieden, berührte er sie am Ellbogen. »Wie wär's mit einem Kaffee?«
»Oh, ich -«
»Ach komm schon, sag jetzt nicht nein. Meine Schwester Keira hat mir zu Weihnachten so eine Espressomaschine geschenkt, und ich hab mich noch nicht damit beschäftigt, wie sie funktioniert. Das ist die perfekte Gelegenheit, sie einzuweihen. Meine Wohnung ist gleich hier um die Ecke.«
Seine Wohnung? Ach du Scheiße, nein. Das war eine abgrundtief schlechte Idee. »Ich sollte lieber nicht -«
Seine Hand legte sich fester um ihren Ellbogen, sie blickte auf und sah wieder jenes spitzbübische Funkeln in seinen Augen. Dasselbe, das sie in Key Biscayne gesehen hatte. Dasselbe, das sie auf dem Hochzeitsfest in Puerto Rico gesehen hatte. Dasselbe, von dem sie schon viel länger träumte als vernünftig war, und das sie heute Abend hierhergetrieben hatte. Dabei wäre es wesentlich besser, in diesem Augenblick in Lake Geneva in Sicherheit zu sein und sich die Wunden zu lecken. »Ich beiße nicht, Hailey. Und ganz nebenbei: Selbst, wenn ich es doch tun würde, wir wissen beide, dass du mir jederzeit in den Hintern treten könntest, wenn du nur wolltest.«
Sie fixierten sich gegenseitig, und sie spürte, wie sich ihre Lippen allmählich zu einem Lächeln kräuselten, weil sie wusste, woran er dachte. An die Nacht, als er in Key Biscayne aufgetaucht war, um nach seiner Schwester zu suchen. Hailey war dort gewesen und hatte ihn für einen Eindringling gehalten. Sie hatte ihn auf der Terrasse niedergestreckt, den muskulösen Kripobeamten von der Chicagoer Mordkommission entwaffnet und angefangen, ihm seine Rechte vorzulesen, bevor Lisa durch die Dunkelheit auf sie zugestürmt war und erklärt hatte, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Spanner, sondern um ihren Bruder handelte.
»Eine Tasse Kaffee wird wohl nicht wehtun«, hörte sie sich selbst sagen, bevor sie sich eines Besseren besinnen konnte.
Sein Grinsen wurde breiter. »Kurz und schmerzlos. Versprochen.«
Ihr Herz hämmerte. Das bezweifelte sie stark.
Aber sie wollte verflucht sein, wenn sie nicht darüber nachsann, wie furchtbar süß ein kleines bisschen Schmerz von der Sorte, die er ihr zufügen konnte, mit einer Tasse Espresso schmecken würde.
Er wusste nicht genau, wie es dazu gekommen war, dass er jetzt, mitten im Januar, mit Hailey Roarke eine zugige Straße in Chicago entlanglief, aber Shane nahm sich vor, jetzt nicht alles zu Tode zu analysieren. Das Leben hatte ihm den Ball zugespielt, als er an diesem elendig kalten Tag nach der Arbeit das Players betreten und sie dagestanden hatte - immer noch genauso heiß wie in Florida. Er wusste, dass es falsch war - sie war die Exfrau seines neuen Schwagers, verflucht noch mal - aber ein einziges Mal in seinem Leben war er fest entschlossen, etwas, das ihm ganz überraschend in den Schoß gefallen war, einfach nur zu genießen, egal wohin es führen würde.
Er warf ihr einen Seitenblick zu, sah, wie sie in ihrer aufgeplusterten schwarzen Jacke mit pelzbesetzter Kapuze zitterte und ihr das blonde, lockige Haar bis auf die Schultern fiel, und verspürte das plötzliche Verlangen, seine Arme um sie zu legen und sich von ihrer Hitze auftauen zu lassen.
Die ungeheure Anziehung, die sie von Anfang an auf ihn ausgeübt hatte, war gerade wieder sehr stark. Aber ob sie sich von ihm genauso angezogen fühlte, würde sich erst noch zeigen müssen. Irgendetwas musste sie ja schließlich für ihn empfinden. Warum hätte sie sonst heute Abend in seine Kneipe kommen sollen?
»Hier geht's rauf.« Er führte sie ein paar Stufen hinauf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Als er ihr die Tür aufhielt und sie an ihm vorbeischlüpfte, umgab wohlige Wärme seinen Körper, und der Duft von Flieder wehte ihm um die Nase.
Er machte die Tür hinter sich zu, knipste das Licht an und streifte ihr die Jacke von den Schultern. Ein Kribbeln lief ihm über die Haut, als er sie dabei berührte, und er musste sich zwingen, die Hände wieder wegzunehmen und sich nicht gleich an Ort und Stelle in ihrer Zartheit zu verlieren. Er versuchte, seine Hormone in Schach zu halten und warf beide Jacken auf einen Stuhl. »Mach's dir bequem.«
»Hübsche Wohnung«, sagte sie, während er in die Küche ging. »Keine typische Junggesellenbude.«
Eine kleine Kücheninsel grenzte die Küche vom Wohnzimmer ab. Als er die noch verpackte Espressomaschine in der Vorratskammer auf dem Boden gefunden hatte, stellte er sie auf die Theke und blickte sich rasch im Wohnzimmer um, um sich zu vergewissern, dass es nicht unordentlich war. Keine hingeworfenen Klamotten auf der Ledercouch, keine leeren Getränkedosen auf den Beistelltischen. Lediglich eine zusammengefaltete Zeitung und die letzte Ausgabe der Sports Illustrated lagen auf dem Wohnzimmertisch neben seiner Fernbedienung. »Danke. Catrine wird sich freuen, dass du das gesagt hast. Sie hat die Möbel und dieses ganze Dekozeug in den Regalen ausgesucht.«
»Du meinst den Nippes?«
Er riss die Augen von ihr los, und endlich gelang es ihm, das Gerät aus dem Karton zu ziehen. Dann betrachtete er stirnrunzelnd die fünfzehnseitige Bedienungsanleitung. Sie hätte ebenso gut auf Chinesisch sein können, so nützlich schien sie ihm. »Ach, so heißt das. Aus irgendeinem Grund kann ich mir das nie merken. Wie auch immer man das Zeug nennt, sie hat es ausgesucht. Das Einzige, was ich unbedingt behalten wollte, waren meine Cubs-Sachen.«
Sie kicherte, und es klang so sexy, dass es seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann sah sie zu den kunstvoll gerahmten Fotos an der Wand hinüber - die Rahmen waren ebenfalls Catrines Idee gewesen. »Also die da sehen aus irgendeinem Grund sehr nach deinem Einfluss aus. Wer ist denn Catrine? Deine Freundin?«
»Was? Nein. Eine meiner Schwestern. Du hast sie bei Lisas Hochzeit gesehen.«
»Habe ich das?«
»Ja. Rote Haare, Klemmbrett.« Er zog die Stirn kraus, während er einen Beutel mit Schrauben für die Maschine in den Händen drehte. »Man konnte sie gar nicht übersehen.«
»Ich dachte, das sei die Hochzeitsplanerin gewesen.«
Shane schnaubte verächtlich. »In ihren Träumen vielleicht«, murmelte er.
Sie schlenderte zum Fenster, und seine Augen, die sich eigentlich dem blöden Kaffeebereiter vor ihm hätten widmen sollen, folgten ihr unwillkürlich. »Tolle Aussicht. Ich könnte mir vorstellen, dass so eine Wohnung ganz schön was kostet.«
»Tut sie auch. Sie gehörte meiner Großmutter. Als sie gestorben war, bekam ich sie günstig.«
Als er merkte, dass sie ihn anstarrte und ihre hübschen blauen Augen in seinem Gehirn gleich einen Kurzschluss verursachen würden, wandte er sich schnell wieder der Bedienungsanleitung zu, mit der sich zu beschäftigen er nicht die geringste Lust hatte. Das Einzige, was er sich im Moment ansehen wollte, war sie.
»Wie wär's mit einem normalen Filterkaffee? Ich glaube, ich hätte in Aeronautik promovieren müssen, um dieses Ding zum Laufen zu bringen.«
Hailey lachte, und der Klang war so unglaublich süß, dass er seine Nervenstränge in Schwingungen versetzte. »Normal klingt klasse. Ich bin sowieso nicht wild auf diese ganzen Designerkaffees.«
Er auch nicht.
Er machte sich daran, auf der gegenüberliegenden Arbeitsfläche Kaffee in den Filter von Mr. Coffee zu füllen und versuchte, nicht verstohlen zu ihr hinüberzublicken. Sie streifte umher, begutachtete seine Bücher, die Sport-Fanartikel auf den Regalen, die zu behalten und dort hinzustellen er mit Catrine heftige Diskussionen ausgetragen hatte, das Familienfoto, das seine Mutter erst vor wenigen Wochen zu Weihnachten gemacht hatte. Er dankte dem Himmel, dass die Wohnung sauber war. Mrs. Lewis war jeden Cent wert, den er ihr bezahlte, um hinter ihm herzuputzen.
Während sie sich in aller Ruhe umsah, öffnete er den Kühlschrank, griff nach dem Milchkännchen und schnupperte daran. Und kniff die Augen zusammen, als ihm ein widerlicher Gestank entgegenschlug. Schnell ließ er es im Eisfach verschwinden. Er durchwühlte den Schrank und suchte nach irgendwelchen Snacks, die er zum Kaffee reichen konnte, und sagte sich, dass es höchste Zeit war, einkaufen zu gehen. Mal wieder. Ein Mal im Monat reichte vielleicht doch nicht aus. Ganz hinten in der Speisekammer fand er noch eine angebrochene Packung OreoKekse, steckte einen davon in den Mund und beschloss: Nicht mehr ganz bissfest war immer noch besser als nichts.
Als er die Kekse auf einem Teller verteilt hatte, war der Kaffee fertig, und er goss zwei Tassen ein, stellte eine vorsichtig auf den Keksteller und trug alles ins Wohnzimmer.
Sie hatte das Licht gedimmt, stand wieder am Fenster und blickte hinab auf die Lichter der Stadt und den dunklen See dahinter. Von da, wo er stand, ließ der Lichtschein ihre Haut noch zarter, ihr Haar dunkler und ihre Kurven noch viel ausgeprägter erscheinen. Und als er sie betrachtete, wie sie da so zwischen all seinen Dingen stand, wurde ihm bewusst, dass er keine Frau - die nicht zur Familie gehörte - mehr in seiner Wohnung gehabt hatte, seit ... Himmel, seit einer verdammten Ewigkeit.
Sie hat das Licht gedimmt.
Er räusperte sich, weil er plötzlich vor Erregung einen Kloß im Hals hatte, und reichte ihr, als sie sich umdrehte, die Tasse. »Ich hoffe, du magst ihn schwarz. Ich habe leider keine Milch mehr.«
»Das ist in Ordnung.«
Er stellte die Kekse auf den Couchtisch und sah zu, wie sie seine Lieblingstasse der Cubs an ihre vollen Lippen führte, nippte und ihn mit einen leichten Seufzer anlächelte, der so sexy klang, dass ihm eine Überdosis Hormone ins Blut schoss. Sie wandte sich dem Weihnachts-Familienporträt zu. »Ich finde es toll, dass alle Frauen auf dem Bild lächeln und die Männer ein böses Gesicht machen.«
Er kratzte sich am Hinterkopf. »Stressiger Tag. Feiertage sind immer nervig bei den Maxwells. «
Sie lachte wieder. Schlürfte Kaffee. Ging die Wand entlang, um sich etwas anderes anzusehen. Er sah ihr gerne zu, wie sie sich bewegte, so geschmeidig wie eine Tänzerin, mit ihren langen Beinen und der schlanken Figur, aber zielgerichtet und selbstbewusst. Plötzlich blieb sie stehen und riss die kobaltblauen Augen auf. »Oh, mein Gott. Ist das etwa ... «
Er stellte seine Tasse auf den Tisch, trat hinter sie und blickte über ihre Schulter auf den gerahmten, fünfzehn Jahre alten Schnappschuss auf seinem Kaminsims. »Ja, ist es. «
»Unmöglich.« Sie stellte ihre Tasse ab und streckte die Hand nach dem Rahmen aus. »Wo in aller Welt bist du Jon Bon Jovi begegnet?«
»Eigentlich eine ganz lustige Gesichte. Es ist Jahre her, wie unschwer an meinem Babyface auf dem Foto zu erkennen ist. Ich fuhr damals Streife, und kurz vor Ende meiner Dienstzeit kommt so ein Kerl den Lake Shore Drive entlanggerast. Ich winke ihn raus, lese ihm die Leviten, und es stellt sich raus, dass es Jons Schlagzeuger ist. Sie hatten gerade ein Konzert im United Center gegeben.«
»Wie schnell ist er gefahren?«
»Um die hundertfünfzig.«
»Auf dem Lake Shore Drive?«
»Ja. « Er steckte die Hände in die Hosentaschen. »Es ist gegen ein Uhr morgens, kein Mensch auf der Straße, und ich bin sicher, dass er blau ist. Wie sich herausstellt, ist er es nicht, sondern musste sich nur nach dem Set abreagieren. Schließlich verwarne ich ihn, weil ich sowieso zu müde für den ganzen Papierkram bin, und aus lauter Dankbarkeit lädt er mich zu der Party ein, auf die er gerade fährt. Ich wollte erst nicht mit, aber ... « Er zuckte lächelnd mit den Schultern.
Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu, der so verdammt sexy war, dass er seine Finger in den Hosentaschen verkrampfte, um nicht nach ihr zu greifen. »Eine Verwarnung? Für hundertfünfzig Sachen in einer Ortschaft?«
Er zuckte wieder die Schultern. »Ich plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit. Ich meine, es war Bon Jovi.«
Ihr Lächeln war tief und ehrfürchtig, als sie sich dem Foto zuwandte und mit den Fingern darüber strich. »Das ist sowas von cool.«
Gott, er liebte es, wie sie lächelte. Mit ihrem ganzen Gesicht, nicht bloß mit ihren sinnlichen, wohlgeformten Lippen. Während er das Spiel des Lichts in ihrem Gesicht und auf ihrem durchtrainierten Körper betrachtete, verspürte er das plötzliche Verlangen, dass sie ihn so anlächelte.
Keine gute Idee. Erinnerst du dich noch an das letzte Mal, als du dieses Verlangen hattest?
Die schwache Stimme in seinem Unterbewusstsein brachte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, doch er kämpfte mit allen Mitteln dagegen an. War es leid, sein Leben der Willkür jener Stimme zu unterwerfen, auch wenn er wusste, dass sie das Einzige war, das ihn im Moment noch am Leben hielt.
»Das hat mich damals völlig fertiggemacht«, fügte er hinzu, in der Hoffnung, dass sie ihn wieder ansehen würde, während er sich ihr gefährlich näherte.
»Wieso das denn?«
Sein Lächeln kehrte zurück, als sie wieder ihre funkelnden blauen Augen auf ihn richtete, die wie ein kühler Tag in der Karibik aussahen und ihn daran erinnerten, was er in Puerto Rico gerne mit ihr gemacht hätte. »Ich war so um die dreiundzwanzig, als das passierte. Ich hatte gerade erst bei der Polizei angefangen. Ich dachte, das sei normal. Stell dir vor, wie enttäuscht ich war, dass keine Rockstars mehr bei mir angeklopft haben, um mich auf irgendwelche abgefahrenen Partys zu schleppen.«
Da war es wieder: jenes Funkeln in ihren Augen und das Lächeln, das ihre Lippen so verlockend aussehen ließ, die förmlich darum flehten, geküsst zu werden. Nur dass sie dieses Mal ihn anschaute, und nicht ein Stück Papier. »War wohl 'ne wilde Nacht, was?«
»Die wildeste überhaupt.«
Als sie ihn eingehend musterte, zog sich in seinem Lendenbereich alles zusammen, und er wusste, dass er sich mit ihr hier bei sich zu Hause auf dünnem Eis bewegte. Schlimm genug, dass es bescheuert lange her war, dass er überhaupt mit einer Frau zusammen gewesen war - sie bewirkte bei ihm auch noch, dass sein Hirn völlig aussetzte. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum er sich vor drei Monaten in Puerto Rico aus dem Staub gemacht hatte. Und erst recht, warum er sie nach der Hochzeit seiner Schwester nicht in sein Hotelzimmer hinaufgeschleift und ihr mit Händen, Zähnen und Zehen das eng anliegende schwarze Kleid ausgezogen hatte, wie er es sich schon den ganzen verdammten Tag gewünscht hatte. Und der einzige Grund, warum er sich seitdem nicht mehr bei ihr gemeldet hatte.
Ihre Augen fielen auf seine Lippen, während sie ihm noch ein winziges Stück näher kam. »Vielleicht sollte ich lieber gehen«, sagte sie, doch sie rührte sich nicht.
»Du bist doch noch gar nicht fertig.«
»Fertig mit was?«, fragte sie und wandte ihren Blick keine Sekunde von seinem Mund.
»Mit deinem Kaffee.«
»Ach so. Stimmt.« Ein Anflug von Enttäuschung war aus ihren Worten herauszuhören, und als sie sich mit einer anzüglichen Bewegung über die Lippen leckte, die bei ihm die Vision auslöste, wie sie mit ihrem Mund seine nackte Brust und seinen Bauch hinunterfuhr, wich alles Blut aus seinem Kopf und schoss ihm in den Unterleib, geradewegs in seinen Schwanz.
In dem Moment wusste er genau, dass sie auch etwas von dieser berauschenden Erregung fühlte. Und, verflucht noch mal, das heizte ihm noch mehr ein, und er ließ seine rationale Gehirnhälfte endgültig links liegen.
Tu es nicht.
Er strich ihr mit dem Finger über die Wange und spürte ihr Zittern bis in die Fußspitzen. »Ich habe eine Frage.«
»Bloß eine?«
Ihre begehrlich klingende Stimme war nicht gerade hilfreich. Aber bevor das hier weiter voranschritt, wollte er eine Sache genau wissen. »Bist du zufällig in dieser Bar gewesen oder wusstest du, dass das Players meine Stammkneipe ist?«
»Möglich, dass Lisa es mal erwähnt hat. Ein, zwei Mal.« »Ich hatte befürchtet, dass du das sagst.«
Er umfasste ihr Gesicht mit den Händen, beugte sich hinunter und nahm Besitz von ihrem Mund, wie er es seit Monaten hatte tun wollen. Wovon zu träumen er sich viel zu lange untersagt hatte. Ihre Lippen waren zart, ihr Seufzer so verdammt erotisierend, dass er sich zwingen musste, nichts zu überstürzen. Er streifte mit seinen Lippen über die ihren, langsam und zärtlich, bis sich ihr Seufzen in ein Stöhnen verwandelte und sie sich öffnete, um ihn einzulassen.
Oh, Mann, das war der Grund, warum er sie in Puerto Rico nicht geküsst hatte: Die kleinste Kostprobe, und er war verloren.
Er nahm ihr das Foto aus der Hand und stellte es wieder auf den Kaminsims, während er mit seiner Zunge in ihren Mund glitt und die Süße ihres Kusses schmeckte. Er rückte näher an sie heran, so dass sich ihre Körper eng aneinanderpressten und sich der Takt ihres Herzschlags dem seinen anpasste. Der Ständer des Bilderrahmens fand keinen Halt, und das Bild fiel mit Getöse zu Boden, was keinen von ihnen störte. Und als sie erneut aufstöhnte, antwortete er ihr, indem er seine Finger mit ihrem blonden, lockigen Haar verflocht, ihren Kopf sacht zur anderen Seite drückte und sie noch inniger küsste.
Für eine Frau war sie ziemlich groß - fast eins achtzig, schätzte er -, aber wie für seinen Körper geschaffen: Ihr Busen berührte seine Brust, und ihre langgezogene Silhouette schmiegte sich an seinen Leib. Ihre Hand fand seinen Ellbogen, seinen Bauch, seine Hüften, und dann war es an ihm zu stöhnen, als ihre Zunge mit der seinen spielte. Und als sie ihre Finger bog, um ihn dicht an sich zu ziehen, und seine Erektion sich in die weiche Biegung ihres Bauches presste ... machte die rationale Hälfte seines Gehirns, die ihn die ganze Zeit noch vor diesem gefährlichen Schritt gewarnt hatte, komplett die Schotten dicht.
Er wünschte sich, er hätte seine Waffe und den Schulterhalfter abgelegt. Und daran gedacht, das Bett frisch zu beziehen. Und Kondome zu kaufen.
Mist. Er hatte seit mehr als sechs Monaten keine Kondome mehr gekauft. Hatte er überhaupt noch welche, die nicht abgelaufen waren?
»Maxwell«, flüsterte sie.
Er fand den Bund ihres Pullis und hob ihn an, wobei er mit den Händen die zarte Haut ihres Unterbauchs entlangfuhr, und noch weiter nach oben, bis seine Finger ihren seidigen BH berührten. Er stöhnte wieder, umfasste ihre schweren Brüste mit seinen Händen und drückte sie gerade so fest, dass sie nach Luft schnappen musste.
»Ich will dich«, flüsterte sie.
Oh Mann. Er wollte sie auch. Noch viel mehr, als er sich bis zu diesem Zeitpunkt bewusst gewesen war. Ihre Worte entzündeten ein Feuer in seinem Leib und ließen ihm das Blut rauschend in die Ohren schießen. Er drückte sie gegen die Wand, während er sie weiter küsste, als sei er völlig ausgehungert.
Eine seiner Hände wanderte zu ihrem Knie und hob es an, so dass er sich die Innenseite ihres Oberschenkels um seine Hüfte legten konnte, während er sich zwischen ihre Beine presste. Sie rang wieder nach Atem, was ihn dazu brachte, sich noch fester an ihr zu reiben, sein Becken zurückzuziehen und dann wieder vorzustoßen. Seine Lippen fanden ihren Hals und jene ach so empfindliche Stelle direkt hinter ihrem Ohr. »Gott, Hailey. Du schmeckst so verdammt süß. Ich möchte jeden Teil deines Körpers kosten. Die hier.« Er nahm ihr Ohrläppchen in den Mund. »Die hier.« Er knabberte an ihrem Schlüsselbein, das der V-Ausschnitt ihres Pullovers freigab.
»Oh ...«
Sie atmete scharf ein, was ihn anspornte, weiterzumachen, also schob er seine Hüften erneut gegen ihre, wieder und wieder, bis er innehalten musste, weil er schon durch diesen einfachen Kontakt kurz davor war, zu kommen.
»Maxwell ... oh, Gott, das ist keine gute Idee.«
»Die schlechteste, die wir je hatten.«
Sie fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. »Aber wir werden es trotzdem tun.«
»Stimmt.«
Sie presste sich stöhnend gegen ihn und küsste ihn heftiger. Tat es wieder. Und wieder. Bis er davon ganz benommen war. Ihre Hand schlüpfte unter sein Hemd, fuhr über die Haut seines Bauches, um seine Seite herum, wo sie die Narbe rechts über seinen Rippen streifte.
Er zuckte zusammen. Begann zu schwanken, als sein Hirn die Berührung registriert hatte. Fing sich wieder. Für den Bruchteil einer Sekunde, in dem ihre Fingerspitzen kaum merklich über diese Narbe gestreift waren, war er nicht in seiner Wohnung gewesen. Er befand in einem rattenverseuchten Drecksloch mit einem Messer in der Seite und einer qualmenden Knarre in der Hand.
Das Bild war so real, dass er sofort zurückweichen musste, um wieder klar sehen zu können. Mit den Beinen stieß er gegen die Sofalehne, sie sackten unter ihm weg, und er brach zusammen. Und während er noch innerlich fluchte, versuchte er alles so aussehen zu lassen, als habe er sich nur ein wenig ausruhen wollen und sei nicht umgefallen wie ein absoluter Schwächling.
»Maxwell -«
Er hob abwehrend die Hand, um sie davon abzuhalten, ihn anzufassen, atmete zwei Mal tief durch und fuhr sich mit zitternder Hand über das Gesicht.
Ganz, ganz, ganz blöde Idee. Als hätte er es nicht gewusst. Kein Wunder, dass er seit einer halben Ewigkeit keine Frau mehr mit hier oben gehabt hatte.
»Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte sie. »Ist alles in Ordnung?«
»Mir geht's gut.« Das würde es zumindest. Wenn er allein wäre. Wie immer. Sein Herz hämmerte wie wild. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hatte seine Panikattacken schon vor einiger Zeit überwunden, aber dieser Rückfall aus der Gegenwart in die Vergangenheit war manchmal derart überwältigend, dass es ihn gehörig aus der Bahn warf, so wie jetzt.
Sie musterte ihn, als sei ihm gerade ein zweiter Kopf gewachsen, und so fühlte er sich auch. Wie eine Missgeburt. Verdammt, vor ihm stand die Frau seiner Träume, und er war nicht einmal in der Lage, damals und heute ausreichend auseinanderzuhalten, um ...
Er schluckte schwer. Verdrängte den reizvollen Gedanken und rang um Worte. »Also, ähm, tut mir leid. Das war ... tja. Du hattest recht. Eine blöde Idee. Ich meine, du bist du und ich bin ... «
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Und eine Spannung, die so zäh war wie Sirup, tilgte die sexuelle Energie im Raum und erstickte den Rausch der Erregung.
Toll. Er machte alles nur noch schlimmer. Er riskierte einen Blick auf ihr erschrockenes Gesicht und sagte sich Gut gemacht, du Volltrottel. Warum knallst du ihr nicht noch eine, da du schon dabei bist?
Er raufte sich die Haare. »Es ... tut mir leid«, wiederholte er, weil ihm nichts anderes einfiel.
»Schon in Ordnung«, sagte sie schließlich nach langem Schweigen.
Aber das war es nicht. Als sie die Arme über der Brust verschränkte und sich nach ihrer Jacke umsah, wusste er, dass gar nichts in Ordnung war. Herrgott, das war der Grund gewesen, warum er sich beim ersten Mal von ihr zurückgezogen hatte. Weil er aufhörte zu denken, wenn er ihr zu nahe kam. Und wenn er aufhörte zu denken, wurde er gefährlich.
»Ich sollte jetzt wirklich gehen«, sagte sie und bewegte sich langsam auf ihre Jacke zu. Das Gespräch, der Kaffee und alles andere war längst vergessen.
»Ja.« Er stand auf. »Ich, äh ... «
Sie zog die Tür auf, ehe ihm etwas einfiel, das nicht total lahm klang, doch als sie ihn noch einmal ansah, verschlug ihr Blick ihm den Atem. »Vergiss einfach, dass ich überhaupt da war. Das werde ich auch tun, sobald ich durch diese Tür gehe.«
Als die Tür ins Schloss gefallen war und sich ihre Schritte draußen in der Januarkälte verloren, blieb er noch sekundenlang wie erstarrt stehen. Sein Herz raste wie verrückt, diesmal nicht vor Erregung oder Angst, sondern weil er etwas in ihren karibikblauen Augen gesehen hatte, kurz bevor sie gegangen war. Er hatte es erkannt, weil es dasselbe war, das er jedes Mal sah, wenn er in den verdammten Spiegel blickte.
Geheimnisse. Solche, die eine Person verfolgten und ihr Leben für immer veränderten. Auch sie hütete eins, und es war groß genug, um sie nach Chicago und in seine Arme zu treiben, bevor er sie hochkant wieder hinausbefördert hatte.
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