Leseprobe

Wohin geht die Reise? (S. 159-160)

Epilog

Wir Menschen haben über Generationen, ja über Jahrtausende hinweg die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir alle gemeinsam mit Freude auf diesem Globus leben und unsere menschliche Kultur auf ein höheres Niveau heben können. Jetzt wäre es wünschenswert, wenn wir verstehen würden, dass das Zeitalter der Synthese anbricht und wir dieses endlich genauso füllen müssen. Analysiert hat die Menschheit bereits alles – bis in den subatomaren Bereich, bis in die Tiefen der Gene, des Menschen und der Natur.

Diese Vertiefung wird weitergehen müssen. Aber durch unsere Fixierung aufs Detail haben wir zunehmend den Überblick verloren oder verstehen Zusammenhänge immer weniger: in den Gesellschaften genauso wie in den Wissenschaften, in der Bildung, in der Kultur, in der Technik, in firmen- oder länderübergreifenden Arbeitsprozessen oder auch allgemein in der globalen Welt und in politischen Systemen. Eine Folge dieser Haltung ist: Wir Menschen haben gerade im letzten Jahrhundert enormen Raubbau an der Natur geübt, wir haben gefährliche Kriege provoziert und unermesslichen Schaden angerichtet.

Die Entwicklung geht mit atemberaubendem Tempo weiter. Halten wir doch einmal kurz an, nehmen wir Geschwindigkeit aus den isolierten Prozessen heraus. Das Zeitalter einer integralen Sicht und einer Synthese würde dann durch eine bewusste Periode der Langsamkeit auch zu einem Zeitalter der globalen Wertschöpfung. Unseren Kindern und Kindeskindern sind wir Orientierung schuldig, als Eltern und Erzieher, als Großeltern, Tanten und Onkel, Freunde und Nachbarn. Wenn Orientierung wirksam sein soll, dann geht sie ganz besonders über konkrete Menschen und gelebte Haltungen. Werte sind nicht abstrakt, sie lassen sich nicht in einen Lehrplan pressen. Werte müssen gelebt werden. Das ist nur möglich, wenn man sich ihrer bewusst ist und die Kinder mit einbezieht. Wir mühen uns ab in Konzepten und Erlassen, die festlegen, wie Kinder sein sollten, anstatt zu fragen, wie sie sein wollen.

Denn die Kinder selbst haben in der Regel eine natürliche Kompetenz, ein intuitives Wissen von „richtig“ und „falsch“, und wir Erwachsene könnten so viel von ihnen übernehmen. Machen wir uns nichts vor, wir stehen am Anfang eines neuen Geschichtsabschnittes, der pluralistischen Gesellschaft. In meiner Heimatregion leben 230 verschiedene Weltanschauungsgruppen und Religionsgemeinschaften, wie gerade eine neue Studie ergeben hat, davon 42 Prozent Katholiken, 28 Prozent Protestanten und 3 Prozent Moslems.

Wir alle sind auf der Suche nach Orientierung und sollten deshalb gerade deshalb offen sein für andere Wertevorstellungen, aber auf dem festen Boden unserer eigenen Herkunft. Wenn wir diesen Pluralismus unserer Gesellschaft ernst nehmen und alle Akteure der Wertevermittlung mit einbeziehen, werden wir eine lebendige und humane Zukunftsgesellschaft schaffen können. Mittlerweile besteht in den Großstädten Deutschlands bald die Hälfte aller Jugendlichen aus Menschen anderer Kulturen. Das ist sicher eine Herausforderung. Aber anstatt darüber zu lamentieren, sollten uns über die Vielfalt freuen.

Auch Amerika ist so entstanden. Wir könnten so viel lernen, zum Beispiel was Familienzusammenhalt, Gastfreundschaft oder Ehrgefühl für diese Kulturen bedeutet. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass diese Migranten unsere Sprache lernen, und wir müssen uns darum kümmern, dass das Bildungsniveau angeglichen wird. (Und wer selbst türkisch lernt, dem wird der Döner noch besser schmecken!) Eine Politik der Ausgrenzung ist falsch. Und genauso wie wir Kultur und Religionen anderer Menschen verstehen und respektieren sollten, muss dies auch umgekehrt eingefordert werden. Sonst wird Gewalt in unseren Großstädten unbeherrschbar explodieren wie zurzeit in São Paulo in Brasilien.