Leseprobe

Verrat im Zunfthaus von Petra Schier

Prolog

Es war schon weit nach Mitternacht, als die junge Frau das Haus des Ritters am Laurenzplatz verließ. Die Stadt lag in tiefer Stille, und ihre Laterne warf nur einen kleinen Lichtkreis, der jedoch sofort die Mücken anzog. Die letzten Tage waren ungewöhnlich heiß gewesen. Die Straßen und Häuser der Stadt hatten die Sonnenwärme regelrecht gespeichert, sodass auch die Nacht nicht die ersehnte Abkühlung brachte.
Ihr Weg war nicht sehr weit, aber dennoch lang genug, um ihre innere Unruhe noch weiter anwachsen zu lassen. Sie wusste, es wäre besser gewesen, die Stadt nicht mehr zu betreten, und sie würde sie auch auf dem schnellsten Wege wieder verlassen müssen - für immer.
Nur um dem Mann, den sie liebte, einen Dienst zu erweisen, hatte sie einer Aussprache innerhalb der Stadtmauern zugestimmt. Ihr Schicksal war besiegelt, aber ihn könnte sie vielleicht noch retten. Dafür würde sie jede Gefahr auf sich nehmen. Er hatte zu ihr gehalten und ihr die Ehe versprochen, trotz allem, was passiert war. Wenn es ihr nur gelänge, die Schuld auf sich zu nehmen ...
An einer Häuserecke blieb sie stehen und strich sich über den leicht gewölbten Bauch. Nein, es wäre nicht recht, wenn auch er vor den Häschern fliehen musste. Er war ein angesehener Kölner Kaufmann, dessen Wein bis ins Badische hinein beliebt war. Wenn sie etwas tun konnte, um ihn von der Last des Urteils zu befreien, dann würde sie nicht zögern, es zu tun.
Mit neuem Mut schritt sie voran, und nach kurzer Zeit war sie an ihrem Ziel angekommen. Es war noch abgeschlossen. Also war er wohl noch nicht da. Sie zog den großen Schlüssel ihres Vaters aus ihrer Gürteltasche und öffnete die Tür, hängte die Laterne an einen der Wandhaken und blickte sich prüfend um.
Sie selbst hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Wenn jemand sie hier antreffen würde, könnte sie recht einfach eine Erklärung finden. Doch niemand hatte sie gesehen. Zu dieser Zeit wäre dies auch sehr unwahrscheinlich gewesen. Auf ihrem kurzen Weg war sie nicht einmal einer Stadtwache begegnet.
Er schien doch schon da zu sein. Hinter einer nur angelehnten Tür sah sie einen flackernden Lichtschimmer.
Vorsichtig nahm sie die Laterne wieder vom Haken, schlich zu der Tür und lauschte. Nichts war zu hören. Oder doch? Kam da nicht ein Geräusch aus dem Raum? Sie atmete tief durch, stieß die Tür weiter auf und blickte sich suchend um.

1

Herrin, wir sollten uns beeilen«, sagte Franziska mit einem Blick zum Himmel. »Das gibt ein schweres Gewitter, wenn Ihr mich fragt.«
Von der Eifel zogen schwarzgraue Wolken heran, die Luft in den Gassen Kölns war zum Schneiden dick, die Rinnsteine stanken nach Küchenabfällen und dem Inhalt unzähliger Nachttöpfe. Schwärme dicker schwarzer Fliegen bedeckten die Abfälle wie ein schimmernder Teppich.
Adelina nickte zustimmend. »Wir sind ja gleich da. Und wenn wir Glück haben, noch vor dem Unwetter wieder zurück. Meister Vetscholder braucht nur noch einen Abdruck meines neuen Siegels für das Zunftregister und meine Unterschrift.« Sie wischte sich mit dem Ärmel ein paar Schweißtropfen von der Stirn und lockerte das Gebende ihrer Haube. »Hoffentlich bringt der Regen ein wenig Abkühlung!«
Franziska wischte sich ebenfalls den Schweiß aus dem Gesicht. Ihr Kleid wies unter den Achseln und am Rücken dunkle Flecken auf. »Wenn wir zurück sind, kann Magda Euch ein kühles Fußbad richten. Das hat Euch doch während Eurer Schwangerschaft immer so gut getan.«
»Eine gute Idee, Franziska.« Lächelnd dachte Adelina an einen Bottich mit kühlendem Wasser. Wie angenehm müsste es sein, ihrem gerade drei Monate alten Sohn die Brust zu geben, während ihre Füße im Wasser Abkühlung fänden. »Wirklich eine gute Idee! Da wären wir.« Sie pochte an die Tür des Versammlungshauses der Gaffel Himmelreich.
Ein bewaffneter Stadtsoldat öffnete ihr, begrüßte sie freundlich und ließ sie ein. Seit die neue Stadtverfassung, der Verbundbrief, in Kraft getreten und vom Erzbischof sowie von König Wenzel anerkannt worden war, hatte es in der Stadt vereinzelt Unruhen gegeben. Um sich vor Aufwieglern aus den Reihen der entmachteten Patrizier zu schützen, hatten die Zünfte, die nun in verschiedenen Gaffeln zusammengeschlossen waren, beim Stadtrat um bewaffneten Schutz ihrer Versammlungs- und Verwaltungshäuser gebeten.
Adelina wies Franziska an, beim Eingang zu warten, und ging zielstrebig auf eines der Schreibzimmer zu. Da die Tür halb geöffnet war, trat sie ohne zu klopfen ein.
»Guten Tag, Meister Leuer! «, grüßte sie den betagten Mann in Kaufmannskluft, der sich am Schreibpult gerade über ein Dokument beugte. Er hob den Kopf und stand dann eilfertig auf. »Meisterin Burka, seid mir gegrüßt! Wie geht es Euch? Gut seht Ihr aus. Und was macht Euer herziger Kleiner?«
Adelina lächelte. »Colin ist wohlauf und beinahe ständig hungrig. Vermutlich hat er das von seinem Vater. «
»Ah ja, wunderbar. Das ist ein gutes Zeichen, meine Liebe.« Um die Augen des alten Zunftmeisters bildeten sich unzählige Fältchen, als er ihr zulächelte und sich wieder setzte. »Was führt Euch denn bei dieser furchtbaren Hitze hierher? Ah, vermutlich seid Ihr wegen Eures neuen Siegels gekommen, nicht wahr? Da muss ich Euch leider enttäuschen. Meister Vetscholder, der die Gaffelregister verwaltet, ist im Augenblick nicht hier.«
»Tatsächlich? Wie merkwürdig.« Überrascht verzog Adelina das Gesicht. »Wir hatten den heutigen Nachmittag zur Siegelung und Unterschrift vereinbart.«
Meister Leuer nickte. »Ich wundere mich auch, denn er war bereits gestern nicht hier, und dabei müssten eigentlich noch weitere wichtige Vorgänge abgeschlossen werden. Ich kann mir nur vorstellen, dass er wieder einmal Probleme mit einer seiner Weinladungen hat. Erst kürzlich hat er eine Lieferung durch vagabundierende Kriegsknechte verloren.«
»Das wollen wir doch nicht hoffen.« Adelina dachte mit Unbehagen an die schon seit längerem unbeschäftigten Söldnertruppen, die sich seit dem Abkommen mit dem Erzbischof in zersplitterten Grüppchen vor den Stadttoren herumtrieben. Friedenszeiten waren für diese Männer schlimmer als Krieg und Belagerung. Aus Langeweile, vor allem aber aus der Not heraus, überfielen sie Handelskarawanen oder Treidelkähne, die Wein und Lebensmittel geladen hatten.
»Nein, das wollen wir wirklich nicht hoffen. Aber was machen wir denn nun?« Ratlos griff Meister Leuer nach einem Pergament auf dem Schreibpult, legte es jedoch gleich wieder nieder. »Leider habe ich keine Befugnis, die Register durchzusehen.« Seine Miene hellte sich auf. »Aber Meister Hirzelin müsste gleich kommen. Er kann Euch den Eintrag machen. Wenn Ihr so lange warten möchtet?«
»Nun ja, wenn es nicht zu lange dauert.«
»Bestimmt nicht. Setzt Euch und trinkt etwas Ahrwein. Ein guter Tropfen, der Winzer beliefert auch meinen eigenen Haushalt.« Eifrig stellte Meister Leuer ihr einen versilberten Becher hin und griff nach dem Weinkrug. »Oh! Na, so was, verzeiht, ich muss rasch in den Keller und den Krug auffüllen.« Leuer stand wieder auf, verzog dabei jedoch das Gesicht und rieb sich den Rücken.
»Wartet, Meister Leuer, bleibt nur hier und schont Euch. Ich werde selbst hinuntergehen«, sagte Adelina sofort und nahm ihm den Krug ab.
»Würdet Ihr? Verzeiht, aber das aufziehende Gewitter macht meinen alten Knochen zu schaffen. Das ist wirklich ärgerlich.«
»Macht Euch keine Gedanken. Ich bin gleich wieder zurück.«
Adelina verließ das Zimmer, winkte Franziska, ihr zu folgen, und öffnete die Tür, hinter der sich die Kellertreppe befand. »Komm, nimm diesen Krug, wir gehen hinunter und füllen ihn mit frischem Wein. Ich nehme derweil das Licht.«
»Kann ich Euch behilflich sein?« Der Wachmann kam herbei und hielt den beiden Frauen die Tür auf.
»Danke, es geht schon«, winkte Adelina lächelnd ab. »Einen Krug Wein werden wir schon allein herauftragen können.« Sie nahm das flackernde Tranlicht aus der Halterung neben der Treppe und ging voran.
»Hier unten ist es wenigstens kühl«, sagte Franziska hinter ihr. »Aber es riecht ziemlich muffig.«
»Ja, die alten Gewölbe sind stellenweise feucht«, antwortete Adelina. »Der Lagerraum für den Wein ist es glücklicherweise nicht.«
Sie ging zu einer schweren Eichentür, drückte sie auf und hängte das Lämpchen in eine Halterung neben dem Türstock.
»Ziemlich finster ist es hier«, befand Franziska. »Man sieht ja kaum was.«
»Geh schon mal vor, hier liegen irgendwo noch weitere Lämpchen. Ich zünde eines an und komme nach.« Adelina trat an ein Bord neben der Tür, auf dem eine Holzkiste stand, und entnahm ihr ein Tranlicht.
»Iih, hier riecht es ja noch schlimmer«, rief Franziska, die nur wenige Schritte in den Raum gegangen war und nun auf Adelina wartete. »Ein wenig wie beim Metzger am Schlachttag.«
»Du kommst auf Ideen«, sagte Adelina schmunzelnd und entzündete das Licht. »Nun komm, Meister Leuer sagte etwas von Ahrwein, der besonders gut mundet. Eines der Fässer müsste angestochen sein.«
»Hm, nur welches?« Franziska sah sich in dem Dämmerlicht um. »Das dort hinten?« Sie ging zu einem der Fässer und wies auf den Stopfen an der Öffnung.
Adelina nickte. »Das muss es sein. Gib mir mal den Krug, dann kannst du das Fass leichter öffnen.« Sie rümpfte die Nase. »Du hast recht, hier riecht es wirklich unangenehm.« Franziska trat an das Fass heran und machte sich an dem Stopfen zu schaffen. »Ihr hattet unrecht. Es ist doch feucht hier. Ich bin gerade in eine nasse Lache getreten. Das klebt richtig!«
»O je, da wird doch nicht eines der Fässer ausgelaufen sein?« Besorgt richtete Adelina den Schein ihres Lämpchens auf den Boden und stieß im nächsten Moment einen entsetzten Laut aus.
»Was ist, Herrin? Hat das Fass ein Leck?« Franziska ließ von dem Stopfen ab und blickte ebenfalls zu Boden. »Soll ich Meister Leuer ... o Grundgütiger!« Sie wurde kreidebleich und schlug die Hand vor den Mund. »Das ... das ist ja ... Das sieht ja aus wie Blut!« Sie würgte.
Adelina starrte auf die dunkelrote Lache am Boden, die von irgendwo hinter dem Fass zu kommen schien.
Sie schluckte mehrmals, dann ging sie langsam und vorsichtig um das Fass herum.
»Allmächtiger!« Der Anblick, der sich ihr bot, drehte ihr beinahe den Magen um. Sie versuchte, Franziska zurückzuhalten, doch diese war bereits neben ihre Herrin getreten und schrie beim Anblick der Toten schrill auf.
Sofort vernahmen sie polternde Schritte auf der Treppe. »Meisterin? Ist Euch etwas geschehen?« Der Wachmann kam herbeigeeilt. »Was ist passiert?« Er schob die beiden erstarrten Frauen beiseite, prallte dann zurück und würgte entsetzt. »Bei allen Heiligen!«, stieß er hervor und mühte sich sichtlich, seinen Mageninhalt bei sich zu behalten.
In der Nische zwischen Fass und Wand lag eine junge Frau in einem hellgelben Seidenkleid, der man die Kehle durchtrennt hatte. Ihr hellblondes Haar und das Gebende der bestickten Haube waren dunkel vom Blut. Doch das meiste Blut war nicht aus dieser Wunde geflossen.
Jemand hatte der Toten den Leib aufgeschlitzt; innere Organe und Därme quollen hervor. Es sah aus, als sei die Leiche regelrecht ausgeweidet worden.
»Holt den Büttel!«, sagte Adelina, die sich inzwischen etwas gefangen hatte und Franziska am Arm von dem grausigen Fund fortzog.
»Ja, na ... natürlich.« Der Soldat, inzwischen schon grünlich um die Nase, stürzte aus dem Raum.
Gleichzeitig wurden wieder Schritte laut, diesmal stammten sie von Meister Leuer, der dem Wachmann verwundert hinterherrief und dann den Weinkeller betrat. »Meisterin Burka, ist etwas geschehen? Was ist denn das für eine Aufregung?«
»Bleibt stehen!« Adelina fasste den alten Mann am Arm, doch er hatte die Leiche bereits entdeckt.
»Großer Gott, Bela!« Er wurde blass und begann zu zittern. Adelina packte fester zu und stützte ihn. »Franziska, hilf mir, wir müssen ihn hinaufbringen!«
Franziska erwachte aus ihrer Benommenheit und eilte an Leuers andere Seite.
»Nein!« Der Zunftmeister wehrte sich und wandte sich zu der Toten. »Bela! Bela, was hat man dir angetan? «
»Kommt hier weg, Meister Leuer, Ihr könnt nichts mehr für sie tun.« Es kostete die beiden Frauen einige Anstrengung, den alten Mann, dem inzwischen die Tränen über die Wangen strömten, aus dem Weinkeller zu schieben.
In der Schreibstube bugsierten sie ihn auf einen Stuhl. Auch Adelina ließ sich auf einen Schemel sinken und merkte nun, wie sehr ihre Knie zitterten. Sie atmete mehrmals tief durch und versuchte vergeblich, den grau-
enhaften Anblick vor ihrem inneren Auge zu vertreiben.
Meister Leuer hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und schien wie erstarrt. »Bela, arme Bela«, murmelte er tonlos vor sich hin.
»Meister Leuer«, sprach Adelina ihn an und bedeutete gleichzeitig Franziska, sich ebenfalls zu setzen. Die schüttelte jedoch den Kopf und trat, sehr blass im Gesicht, ans Fenster und starrte hinaus.
»Meister Leuer«, wiederholte Adelina eindringlich, und endlich ließ der alte Mann die Hände sinken und sah sie mit gequältem Blick an. »Der Wachmann holt den Büttel. Kennt Ihr die Tote? Dann müsst Ihr das gleich aussagen.«
Leuer nickte schwach. »Bela ... Elfge.« Er stockte. »Avarus' Verlobte.«
»Avarus Vetscholder? «
»Was hat man ihr bloß angetan? Man hat sie ... hat ihr ... «
»Ja, ich weiß.« Adelina nickte schaudernd. »Versucht, nicht mehr daran zu denken, bis ... «
In diesem Moment wurde die Haustür aufgestoßen, und mehrere Männer, darunter der Büttel, stürmten die Stufen zum Weinkeller hinunter.
»Das ging schnell«, kam es von Franziska, die sich mehrfach mit beiden Händen übers Gesicht fuhr und dann auf Adelina zutrat. »In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts so Schreckliches gesehen.«
Adelina nickte. »Wir müssen hierbleiben und unsere Aussagen machen. Sie werden den Vogt holen, der ist für so etwas zuständig.«
» So etwas?«
»Mord, Franziska.« Adelina schloss die Augen und erschauderte.
Von unten drangen Stimmen zu ihnen. Befehle wur¬den gerufen, dann kam einer der Männer herauf und streckte den Kopf in das Schreibzimmer.
»Ihr habt die Bescherung da unten gefunden?« Er wirkte nicht betroffen, eher aufgeregt und beinahe er¬freut über diese ungewöhnliche Störung seines Alltags. »Ihr müsst hierbleiben und warten, bis der Vogt da ist. Wahrscheinlich schicken sie auch den neuen Gewalt¬richter her, damit er sich die Schweinerei ansieht. Da hat einer ganz schön gewütet.«
Bevor Adelina ihn empört zurechtweisen konnte, hatte sich der Mann mit einem schiefen Grinsen zu¬rückgezogen. Augenblicke später fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Es dauerte nicht lange, bis der Vogt, Bartold Scherf¬gin, im Gaffelhaus eintraf: ein glattrasierter Mann mit rotblondem schütterem Haar, Schweinsäuglein und ei¬nem enormen Doppelkinn. Sein Mantel war weit, je¬doch nicht weit genug, um seinen vorstehenden Wanst zu verbergen.
Er untersuchte die Leiche und befragte dann Adelina und Franziska zu den Umständen, unter denen sie sie entdeckt hatten.
»Sonst ist Euch nichts aufgefallen?«, schloss er seine Befragung ab. »Die Frau kann noch nicht allzu lange tot sein, sonst wäre das Blut bereits getrocknet. Der Tä¬ter kann also noch nicht lange fort sein.«
»Wir waren allein im Keller«, sagte Adelina. »Was hätte uns auffallen sollen außer dem unangenehmen Geruch?«
Scherfgin nickte grimmig und wandte sich dann an Meister Leuer. »Wir müssen den Keller noch einmal eingehend untersuchen. Wenn der Gewaltrichter eintrifft, können wir die Leiche entfernen. Solange müsst Ihr Euch noch für Fragen bereithalten.« Dann wandte er sich Adelina zu. »Ihr könnt derweil gehen. Sollte es noch Fragen geben, wird der Gewaltrichter Reese sich an Euch wenden. Sagt mir nur kurz, wo Ihr wohnt.«
Adelina hob verblüfft den Kopf. »Georg Reese ist der Gewaltrichter?«
»Seit kurzem«, bestätigte Scherfgin. »Kennt Ihr ihn?«
»Sehr gut sogar, wenngleich ich ihn schon seit einigen Wochen nicht mehr getroffen habe. Grüßt ihn bitte von Meisterin Burka, er weiß, wo er mich finden kann.« Sie stand auf, winkte Franziska, und die beiden verließen das Haus.
Auf der Straße atmete Franziska erleichtert auf. »Keinen Augenblick länger hätte ich es dort ausgehalten!« Sie schüttelte sich. »Ich muss immerzu daran denken, wie diese Frau da lag, so ... «
» Mir geht es ähnlich.« Adelina ging langsam in Richtung Alter Markt. »Das werden wir so schnell nicht vergessen.«
»Wer mag das dieser Bela angetan haben?«
»Ich weiß es nicht.« Adelina beschleunigte ihre Schritte. »Aber das ist auch nicht unsere Sache.«
»Wie wird Meister Vetscholder reagieren, wenn er davon erfährt?«
Adelina schüttelte den Kopf. »Komm, beeil dich, es beginnt zu regnen.«
Tatsächlich kam ein böiger Wind auf, der Staub und Unrat durch die Gassen wehte. Erst vereinzelt, dann immer dichter fielen dicke Regentropfen aus den fast schwarzen Wolken. In der Ferne grollte der erste Donner.
Adelina raffte ihre Röcke und lief so schnell sie konnte, ohne dass es unschicklich wirkte. Franziska rannte immer einen halben Schritt hinter ihr.
Die Straßen und Plätze waren wie leergefegt. Bis auf ein paar vereinzelte Bettler hatten sich die Menschen vor dem nahenden Unwetter in Sicherheit gebracht.
Nur ein paar Bauern waren auf dem Alter Markt noch dabei, ihre Waren auf den Marktkarren zu verstauen.
Mit Erleichterung blieb Adelina vor ihrer Apotheke stehen. Genau in dem Moment, als sie sich durch die Tür schob, brach der Platzregen los.
»Das war knapp!«, rief Franziska und schloss die Tür hinter sich.
Adelina riss sich die feuchte Haube vom Kopf und schüttelte sie aus. »Geh zu Magda und sag ihr, sie soll das Abendessen vorbereiten. Ich will nachsehen, ob alle Fenster geschlossen sind. Wo sind die Mädchen?«
»Bestimmt in der Küche«, vermutete Franziska und begab sich selbst dorthin. Als sie die Küchentür öffnete, stob ein staubfarbenes Fellbündel an ihr vorbei und rannte, freudig mit dem Schwanz wedelnd, auf Adelina zu.
»Moses, du frecher Hund!«, wehrte sie das Tier ab, musste jedoch tatsächlich ein bisschen lachen, was nach den Schrecken der vergangenen Stunden befreiend wirkte. Der Hund umtanzte sie freudig, hüpfte bellend auf und ab und folgte ihr auf den Fersen, als sie durch das Haus ging, um die Fensterläden zu überprüfen.
Der Rundgang dauerte eine ganze Weile, denn nachdem ihr Gemahl, der städtische Medicus Neklas Burka, im vergangenen Herbst das Nachbarhaus gekauft hatte, waren mehrere Durchbrüche durch die Wände vorgenommen worden und der Wohnbereich im Obergeschoss nun doppelt so groß wie zuvor.
Im Erdgeschoss des neuen Hauses, gleich neben der Apotheke, hatte Neklas begonnen, sich Behandlungsräume einzurichten, die er sich mit einem Chirurgen zu teilen gedachte.
Adelina warf noch einen Blick in die Dachkammer ihrer Stieftochter Griet, als von unten empörtes Weinen und Schreien laut wurde.
»Herrin, seid Ihr oben?«, rief Magda nach ihr.
»Ich komme schon«, antwortete Adelina und eilte hinunter in die Küche.
»Er hat Hunger«, meinte die ältliche Magd und reichte Adelina den frischgewickelten Säugling.
»Er hat immer Hunger«, lächelte Adelina und setzte sich mit Colin auf die Ofenbank. Während sie ihm die Brust gab, sah sie sich in der aufgeräumten Küche um. »Gibt es heute kein Abendessen?«
»O doch, Herrin, aber der Herr Magister wollte heute unbedingt etwas aus der Garküche holen. Er hat Mira mitgenommen; sie müssten bald wieder zurück sein.«
»Aus der Garküche? Warum das denn? Ich hatte doch frische Grützwürste bereitgelegt?«
»Er sagt, er erwartet heute einen Gast, und da Ihr unterwegs wart, dachte er, so sei es einfacher.«
»Dachte er? Na schön.« Adelina schloss kurz die Augen. Hätte sie sich nicht gerade so ausgesprochen wohl gefühlt, wäre sie ärgerlich geworden. Sie strich Colin sanft über die Wangen, die sich vor Anstrengung wie auch Genuss leicht gerötet hatten.
Dann wandte sie sich wieder an Magda. »Und wo sind Griet und Vitus? Hast du meinem Vater den Mohntrank gegeben?«
»Griet und Vitus sind draußen bei Ludowig. Vitus hilft beim Holzhacken, und Griet wollte so gern den Hühnerstall ausmisten. Das Kind ist geradezu vernarrt in die Hühner.« Magda schüttelte nachsichtig den Kopf. »Euer Vater hat, soweit ich ihn verstehen konnte, nach Euch gefragt. Er scheint gerade ein paar lichte Momente zu haben, doch nachdem ich ihm den Mohnsaft gegeben hatte, ist er eingeschlafen. Morgen früh solltet Ihr gleich als Erstes nach ihm sehen.«
»Das werde ich.« Adelina nickte ihrer Magd noch einmal kurz zu und lehnte sich erneut mit geschlossenen Augen zurück. »Würdest du mir einen Eimer kaltes Wasser für meine Füße richten?«
»Aber natürlich, sofort, Herrin.«
Adelina lauschte, wie Magda eilfertig das Gewünschte herbeibrachte. Von draußen drang das noch immer heftige Rauschen des Regens herein, untermalt vom fernen Grummeln und Poltern eines Gewitters. »Soll ich Euch helfen, die Schuhe auszuziehen?«, fragte Magda.
Adelina nickte, doch im selben Moment pochte es heftig an der Haustür. »Sieh bitte nach, wer da ist.«
Doch Magda war kaum an der Küchentür, als diese aufsprang und Franziska hereinplatzte. »Herrin, da ist ein berittener Bote an der Tür, der einen Brief für Euch hat. Soll ich ihn hereinlassen?«
Adelina war verblüfft. »Ein Bote? Um Himmels willen, ja! Lass ihn herein bei diesem Wetter!« Da Colin mittlerweile nur noch halbherzig saugte, eher nur noch nuckelte, löste sie ihn rasch von ihrer Brust. Magda nahm ihn auf den Arm, und Adelina richtete eilig ihr Kleid.
Der Bote, der nun die Küche betrat, war noch jung und ein wenig verlegen. »Meisterin Burka?« Er sprach mit starkem Akzent, der sie an Neklas erinnerte. »Ich kann nicht lange verweilen, soll nur diesen Brief übergeben.«
»Vielen Dank.« Neugierig nahm Adelina das gesiegelte Schriftstück entgegen. »Aber wartet doch wenigstens, bis der Regen nachlässt. Auch sollt Ihr nicht ohne eine kleine Belohnung losreiten. « Sie winkte Franziska, die in der Küchentür stand. »Hol meine Geldkassette, damit ich den Mann bezahlen kann.«
»O nein, nicht nötig!«, wehrte dieser jedoch ab. »Frau Benedikta hat mich bereits im Voraus sehr gut bezahlt. Aber sie erwartet mich schon übermorgen zurück, deshalb kann ich wirklich nicht länger bleiben.«
»Frau Benedikta?« Adelina hob die Brauen.
»Ja, Frau Benedikta Burka, Eure ... die Mutter Eures Herrn Gemahls, Meisterin. Sie lässt Euch grüßen und sendet diesen Brief.«
Von der Haustür her wurden erneut Schritte und Stimmen laut, gleich darauf erschien Mira in der Küche. Am Arm trug sie einen großen Korb, aus dem es verführerisch nach Gebratenem duftete. »Meisterin, habt Ihr schon gehört ... ?«, rief sie aufgeregt, verstummte dann aber, als sie den Boten sah. Hinter ihr erschien Neklas Burka, ebenfalls mit einem Korb bepackt.
»Nanu?« Erstaunt über die vielen Menschen in seiner Küche sah er sich um. »Was ist denn hier ... ? Donatus! « Er drückte Franziska den Korb in die Arme und war mit zwei Schritten bei dem Boten. »Was führt dich denn hierher, Mann? Bringst du Nachrichten aus Kortrijk?« Er klopfte dem Boten herzlich auf die Schulter.
Donatus lächelte Neklas erfreut an und nickte. »Eure Mutter schickt mich mit einem Brief zu Eurer Gemahlin. «
»Ach?« Neklas blickte zu Adelina. »Was schreibt sie?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Adelina amüsiert. »Ich bin doch noch gar nicht dazu gekommen, den Brief zu lesen. Dieser junge Mann hat es übrigens abgelehnt, den Regen bei uns abzuwarten oder wenigstens eine Belohnung für seinen Botendienst anzunehmen.« Neklas grinste. »Donatus?«
»Eure Mutter, Ihr wisst doch ... « Donatus räusperte sich. »Frau Benedikta hält sehr viel auf die Einhaltung ihrer Befehle«, erklärte er Adelina.
»Ach was«, rief Neklas. »Ich halte ebenso viel darauf, dass meine Anweisungen befolgt werden, und ich bestehe darauf, dass du heute Abend unser Gast bist. Für einen Esser mehr wird es allemal reichen, und Adelina hat eine sehr hübsche Kammer für Gäste eingerichtet. Bei dem Gewitter, das gerade heranzieht, kannst du sowieso nicht reiten. Oder willst du etwa vom Blitz getroffen werden?« Wieder klopfte er dem jungen Mann auf die Schulter und schob ihn dann zu der Holzbank am Esstisch. »Setz dich, ich sorge dafür, dass Ludowig dein Pferd in den Stall führt.«
Magda hatte inzwischen damit begonnen, die Speisen aus den beiden Körben auszupacken, Franziska half ihr dabei. Mira hatte sich derweil in eine Ecke zurückgezogen und beobachtete das Treiben um sie herum.
Adelina legte den Brief beiseite und stand entschlossen auf.
»Ich hole frisches Bier. Mira, steh da nicht so dumm herum, sondern hilf mir! «
Ungewöhnlich eilfertig gehorchte das Mädchen, das gerade zwölf Jahre alt und seit einem Jahr Adelinas Lehrling war. »Ja, Meisterin, ich komme schon.« Als sie die Kellerstiege hinuntergingen, leuchtete sie Adelina sorgsam. »Meisterin, habt Ihr schon gehört, im Gaffelhaus Himmelreich ist eine zerstückelte Leiche gefunden worden!«
Sofort fuhr Adelina ein kalter Schauer über den Rücken. Am Fuß der Stiege drehte sie sich um und musterte Mira streng. »Wo hast du das denn aufgeschnappt?«
»Na, in der Garküche«, antwortete das Mädchen unbekümmert. »Da waren Knechte des Büttels und haben davon erzählt. Überall muss Blut gewesen sein, und die Leichenteile sollen im ganzen Keller verteilt ... «
»Schweig!« Ungehalten schüttelte Adelina den Kopf. »Solche Reden will ich hier nicht hören.«
»Aber es soll wirklich ein grauenhafter Anblick gewesen sein!«
Adelina ging zu einem der Bierfässer und füllte den großen Krug, den sie mitgebracht hatte. »Es war in der Tat ein grauenhafter Anblick.«
Mira redete aufgeregt weiter: »Ich möchte mal wissen, wer die Leiche gefunden hat. Wart Ihr nicht heute auch im Gaffelhaus? Dann müsstet Ihr doch ... « Sie hielt inne, als ihr bewusst wurde, was Adelina eben gesagt hatte. »Auweia.« Sie zog den Kopf ein.
Adelina fixierte sie streng. »Kein Wort mehr davon, Mira. Schon gar nicht vor Griet und Vitus, hast du verstanden! Nun wackele nicht so mit dem Licht, ich muss das Fass wieder richtig verschließen.«

 

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