Leseprobe
Morgen, Kinder, wird‘s was geben von James Patterson
Prolog
Rollenspiel
1932
New Jersey, in der Nähe von Princeton.
März 1932
Aus dem Farmhaus Charles Lindberghs drang helles, orangegelbes Licht. Das Haus sah in dieser düsteren Tannenwaldgegend von Jersey wie ein brennendes Schloss aus. Feuchte Nebelfetzen streiften den Jungen, als er immer näher an den ersten Augenblick wahren Ruhms herankam, seinen ersten Mord.
Es war pechschwarz, der Boden nass und schlammig, mit Pfützen übersät. Damit hatte er gerechnet. Er hatte alles eingeplant, auch das Wetter.
Er trug Arbeitsstiefel Größe vierundvierzig. Die Fersen und Hacken waren mit Stofffetzen und Zeitungspapier des Philadelphia Inquirer ausgestopft.
Er wollte Fußabdrücke hinterlassen, jede Menge Fußabdrücke. Die Fußabdrücke eines Mannes. Nicht die Abdrücke eines Zwölfjährigen. Sie sollten vom County
Highway, genannt Stoutsberg Worstville Road, zum Farmhaus führen und dann zurück.
Er zitterte, als er eine Kieferngruppe erreichte, keine dreißig Meter vom weitläufigen Haus entfernt. Die Villa war genauso protzig, wie er sie sich vorgestellt hatte: allein im ersten Stock sieben Zimmer und ein Bad. Lucky Lindys und Anne Morrows Landsitz.
Einfach toll, dachte er.
Der Junge schob sich immer näher an das Esszimmerfenster heran. Ihn faszinierte, was man Ruhm nannte. Er dachte viel darüber nach. Fast immer. Was war Ruhm eigentlich? Wie roch er? Wie schmeckt er? Wie sah er aus der Nähe aus?
»Der beliebteste und berühmteste Mann der Welt« saß direkt vor ihm am Tisch. Charles Lindbergh war tatsächlich groß, elegant und hatte herrliches blondes Haar und einen hellen Teint. »Lucky Lindy« schien tatsächlich über alle anderen erhaben zu sein.
Das galt auch für seine Frau Anne Morrow Lindbergh. Anne hatte kurzes Haar. Es war lockig und schwarz und ließ ihre Haut kalkweiß wirken. Das Licht der Kerzen auf dem Tisch schien sie zu umtänzeln.
Beide saßen aufrecht auf den Stühlen. Ja, sie sahen wirklich überlegen aus, als wären sie ein Gottesgeschenk an die Welt. Sie hielten die Köpfe hoch, aßen anmutig. Er strengte die Augen an, um zu sehen, was auf dem Tisch stand. Es sah nach Lammkoteletts auf perfektem Porzellan aus.
Ich werde berühmter als ihr zwei jämmerlichen Holzköpfe zusammen«, flüsterte der Junge schließlich. Das versprach er sich. Er hatte jede Einzelheit tausend Mal durchdacht, mindestens so oft. Er ging ganz methodisch
ans Werk.
Der Junge holte eine Holzleiter, die Arbeiter an der Garage stehenlassen hatten. Er drückte die Leiter eng an sich und ging zu einer Stelle direkt unter dem Bibliotheksfenster. Er stieg leise zum Kinderzimmer hinauf.
Sein Puls raste, sein Herz klopfte so laut, dass er es hören konnte.
Licht aus einer Flurlampe beleuchtete das Kinderzimmer. Er konnte das Bettchen sehen und darin den schlafenden kleinen Prinzen. Charles junior, »das berühmteste Kind der Welt«.
Neben dem Bett stand gegen Zugluft ein bunter Wandschirm, illustriert mit Bauernhoftieren.
Der Junge kam sich schlau und listig vor. »Hier ist Mr Fox«, flüsterte er, als er leise das Fenster aufschob.
Dann stieg er noch eine Sprosse der Leiter hinauf und war endlich im Kinderzimmer.
Er beugte sich über das Bettchen und schaute sich den kleinen Prinzen an. Goldene Locken wie sein Vater, aber fett. Charles junior war schon mit zwanzig Monaten zu fett geworden.
Der Junge konnte sich nicht mehr beherrschen. Heiße Tränen strömten ihm aus den Augen. Sein ganzer Körper bebte vor Ärger und Wut - vermischt mit der unglaublichsten Freude seines Lebens.
»So, Daddys Sohnemann. Unsere Zeit ist gekommen«, murmelte er vor sich hin.
Er nahm einen winzigen Gummiball mit einem Gummiband daran aus der Tasche. Er streifte die seltsam aussehende Schlinge schnell über den Kopf von Charles junior, im selben Augenblick, in dem die kleinen blauen
Augen aufgingen.
Als das Baby zu weinen anfing, stopfte der Junge den Gummiball in den kleinen, versabberten Mund. Er langte in das Bettchen, nahm Baby Lindbergh in die Arme und stieg schnell die Leiter hinunter. Alles nach Plan.
Der Junge lief mit dem kostbaren, zappelnden Bündel in den Armen über die schlammigen Wiesen und verschwand in der Dunkelheit.
Nicht einmal drei Kilometer vom Farmhaus entfernt begrub er das verwöhnte Lindbergh-Balg, begrub es lebendig.
Das war erst der Anfang. Schließlich war er selbst noch ein Junge.
Er, nicht Bruno Richard Hauptmann, war der Kidnapper des Lindbergh-Babys. Er hatte es ganz allein gemacht.
Einfach toll.
Erster Teil
Maggie Rose und Shrimpie Goldberg
1992
1
Am frühen Morgen des 21. Dezember 1992 gab ich auf der Sonnenveranda unseres Hauses in der 5th Street in Washington, D. C., ein Bild der Zufriedenheit ab. Der kleine, enge Raum war übersät mit schimmelnden Wintermänteln, Arbeitsstiefeln und angeschlagenem Kinderspielzeug. Mir war das völlig egal. Hier war ich zu Hause.
Ich spielte auf unserem leicht verstimmten, früher mal erstklassigen Flügel etwas von Gershwin. Es war kurz nach fünf und auf der Veranda so kalt wie in einem Fleischkühlfach. Ich war bereit, für »Ein Amerikaner in Paris« ein kleines Opfer zu bringen.
In der Küche klingelte das Telefon. Vielleicht hatte ich in der Lotterie von D. C., Virginia oder Maryland gewonnen, und sie hatten gestern Abend vergessen, mich anzurufen. An allen drei Pechspielen beteilige ich mich regelmäßig.
»Nana? Gehst du ran?«, rief ich von der Veranda.
»Das ist für dich. Da kannst du selber rangehen«, rief meine reizbare Großmutter zurück. »Hat keinen Sinn, dass ich auch aufstehe. In meinem Wörterbuch heißt kein Sinn Unsinn.«
Das ist nicht genau, was sie sagte, aber es muss etwas Ähnliches gewesen sein. So redet sie immer.
Ich humpelte in die Küche und wich auf morgensteifen Beinen weiterem Spielzeug aus. Damals war ich achtunddreißig. Wie es so schön heißt, wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange leben würde, hätte ich besser
auf mich aufgepasst. Der Anruf kam von meinem Verbrechenspartner John Sampson. Sampson wusste, dass ich auf war. Sampson kennt mich besser als meine Kinder.
»Morgen, schwarzes Herzchen. Du bist doch auf, oder?«, sagte er. Mehr war nicht nötig. Sampson und ich sind die besten Freunde, seit wir neun Jahre alt waren und in Parks Gemischtwarenladen in der Nähe unserer
Siedlung mit dem Ladendiebstahl anfingen. Damals hatten wir keine Ahnung, dass der alte Park uns wegen eines geklauten Chesterfield-Päckchens erschossen hätte. Nana Mama hätte uns noch was Schlimmeres angetan, wenn sie von unserer Klauerei etwas gewusst hätte.
»Wenn ich noch nicht auf gewesen wäre, jetzt bin ich's jedenfalls«, sagte ich in den Hörer. »Erzähl mir was Gutes.«
»Noch ein Mord. Sieht wieder nach unserem Freund aus«, sagte Sampson. »Sie warten auf uns. Die halbe freie Welt ist schon da.«
»Zu früh am Morgen für den Leichenwagen«, murmelte ich. Ich spürte meinen Magen meutern. So wollte ich den Tag nicht beginnen. »Scheiße. Du kannst mich mal.«
Nana Mama schaute von dem dampfenden Tee und dem flüssigen Eidotter auf. Sie warf mir einen scheinheiligen Hausherrinnenblick zu. Sie war schon für die Schule gekleidet, in der sie mit neunundsiebzig immer noch
aushalf. Sampson lieferte mir weitere blutrünstige Einzelheiten über den ersten Mord des Tages.
»Pass auf, was du sagst, Alex«, sagte Nana. »Bitte, pass auf, was du sagst, solange du vorhast, in diesem Haus zu wohnen.«
»Ich bin in etwa zehn Minuten da«, sagte ich zu Sampson. »Das Haus gehört mir«, sagte ich zu Nana.
Sie stöhnte, als höre sie diese Schreckensnachricht zum ersten Mal.
»Wieder ein übler Mord in Langley Terrace. Sieht nach einem Lustmörder aus. Ich fürchte, es ist einer«, erklärte ich ihr.
»Schlimm«, sagte Nana Mama. Ihre sanften braunen Augen suchten meine und hielten sie fest. Ihr weißes Haar sah wie die Spitzendeckchen aus, die sie auf unsere Wohnzimmersessel legt. »Das ist ein besonders
schlimmer Teil einer Stadt, die unsere Politiker haben verkommen lassen. Manchmal denke ich, wir sollten aus Washington wegziehen, Alex.«
»Manchmal denke ich das auch«, sagte ich, »aber vermutlich halten wir durch.«
»Ja, Schwarze tun das immer. Wir sind hartnäckig. Wir leiden immer schweigend.«
»Nicht immer schweigend«, sagte ich.
Ich hatte schon beschlossen, meine alte Harris-Tweed Jacke anzuziehen. Es war ein Mordtag, und das hieß, ich würde es mit Weißen zu tun bekommen. Über das Sportjackett zog ich meine Trainingsjacke. Sie passt besser zur Gegend.
Auf der Kommode neben dem Bett stand ein Bild von Maria Cross. Meine Frau war vor drei Jahren bei einer Schießerei aus einem fahrenden Auto ermordet worden. Dieser Mord war, wie die meisten Mordfälle im Südosten
der Stadt, nie aufgeklärt worden.
Auf dem Weg zur Küchentür gab ich meiner Großmutter einen Kuss. Das tun wir seit meinem achten Lebensjahr. Wir sagen uns außerdem Lebewohl, für den Fall, dass wir uns nicht wiedersehen. So ist das seit fast
achtunddreißig Jahren, seit Nana Mama mich aufnahm und meinte, sie könne etwas aus mir machen.
Sie hat einen Polizisten bei der Mordkommission aus mir gemacht, mit einem Doktor in Psychologie, der in den Gettos von Washington, D. C., wohnt und arbeitet.
2
Offiziell bin ich der stellvertretende Leiter der Kriminalpolizei, was mit den Worten von Shakespeare und Faulkner jede Menge Klang und Wut ist und nada bedeutet. Der Titel sollte mich zum Sechsten oder Siebten in der
Hierarchie der Washingtoner Polizei machen. Tut er aber nicht. Immerhin warten die Leute in D. C. auf mein Erscheinen am Tatort.
Ein Trio blau-weißer Streifenwagen parkte chaotisch vor der Benning Road 4115. Ein Lieferwagen der Spurensicherung mit geschwärzten Fenstern war eingetroffen. Außerdem ein Leichenwagen. Die Tür trug die fröhliche
Aufschrift Leichenhalle.
Zwei Feuerwehrautos standen vor dem Mordhaus. Die Sensationslüsternen der Gegend, überwiegend Männer mit geilem Blick, hingen herum. Ältere Frauen mit Wintermänteln über Schlafanzügen und Nachthemden fröstelten auf ihren Veranden in der Kälte.
Das Reihenhaus war ein heruntergekommener Holzbau, in einem heiteren Karibikblau gestrichen. Ein alter Chevette mit einem kaputten, zusammengeklebten Seitenfenster sah aus, als hätte jemand die Einfahrt mit dem Schrottplatz verwechselt.
»Scheißfall. Gehen wir wieder ins Bett«, sagte Sampson. »Mir ist eben wieder eingefallen, was uns erwartet. In letzter Zeit hasse ich diesen Job.«
»Ich liebe meine Arbeit, liebe die Mordkommission«, sagte ich spöttisch. »Schau mal. Da ist schon der Gerichtsmediziner in seinem Plastikanzug. Und da sind die Jungs von der Spurensicherung. Und wer kommt denn
da?«
Ein weißer Sergeant in einem dicken, blauen Parka mit Pelzkragen watschelte auf Sampson und mich zu, als wir uns dem Haus näherten. Er hatte beide Hände zum Wärmen in die Taschen gestopft.
»Sampson? Ah, Detective Cross?« Der Sergeant verrenkte seinen Unterkiefer, wie das manche Leute machen, wenn sie im Flugzeug freie Ohren kriegen wollen. Er wusste genau, wer wir waren. Er wusste, dass wir von
der Mordkommission waren. Er wollte uns provozieren.
»Was 'n los, Mann?« Sampson kann es nicht besonders gut leiden, wenn man ihn provozieren will.
»Senior Detective Sampson«, antwortete ich dem Sergeant. »Ich bin Deputy Chief Cross.«
Der Sergeant war ein runder, schwammiger, irischer Typ, vermutlich ein Überbleibsel aus dem Bürgerkrieg. Sein Gesicht sah aus wie eine Hochzeitstorte, die im Regen stehengeblieben ist. Mein Tweedjackettemblem
schien keinen Eindruck auf ihn zu machen.
»Alle frieren sich den Arsch ab«, schniefte er. »Das is' los.«
»Ihr Arsch könnte ruhig ein bisschen abspecken«, riet ihm Sampson.
»Leck mich«, sagte der Sergeant. Es war nett, einen weißen Eddie Murphy kennen zu lernen.
»Ein Meister der Parade.« Sampson grinste mich an. »Hast du gehört, was er gesagt hat? Leck mich?«
Sampson und ich sind kräftig. Wir trainieren in der Gemeindeturnhalle von St. Anthony. Zusammen wiegen wir an die fünf Zentner. Wir können einschüchternd wirken, wenn wir wollen. Auf unserem Arbeitsgebiet ist das
manchmal nötig.
Ich bin nur eins neunzig. John ist zwei Meter fünf groß und wächst noch. Er trägt immer eine Wayfarer-Sonnenbrille. Manchmal trägt er eine lumpige Kangolmütze oder ein gelbes Kopftuch. Manche Leute nennen ihn
»John-John«, weil er so groß ist, dass man zwei Johns aus ihm machen könnte.
Wir gingen an dem Sergeant vorbei auf das Mordhaus zu. Unser Eliteeinsatzteam soll über solche Konfrontationen erhaben sein. Manchmal sind wir's.
Zwei Uniformierte waren schon im Haus gewesen. Eine nervöse Nachbarin hatte gegen halb fünf auf dem Revier angerufen. Sie glaubte, sie habe einen Herumtreiber gesehen. Die Frau war wach gewesen, weil sie einen
nächtlichen Angstanfall gehabt hatte. Das gehört hier zur Gegend.
Die beiden uniformierten Streifenpolizisten fanden im Haus drei Leichen. Als sie das meldeten, wurde ihnen aufgetragen, auf die Mordkommission zu warten. Sie besteht aus acht schwarzen Polizisten, die angeblich
für eine bessere Aufgabe bei der Polizei ausersehen sind.
Die Außentür zur Küche war angelehnt. Ich stieß sie auf. Die Türen in jedem Haus haben beim Öffnen und Schließen ein ganz eigenes Geräusch. Die hier winselte wie ein alter Mann.
Im Haus war es pechschwarz. Unheimlich. Die offene Tür saugte den Wind ein, und ich hörte drinnen etwas klappern.
»Wir haben kein Licht gemacht«, sagte einer der Uniformierten hinter mir. »Sie sind Doktor Cross, stimmt's?«
Ich nickte. »War die Küchentür offen, als Sie gekommen sind?« Ich wandte mich dem Streifenpolizisten zu. Er war weiß, mit einem Babygesicht, und ließ sich einen dünnen Schnurrbart wachsen, um das zu vertuschen. Er
war vermutlich drei- bis vierundzwanzig und hatte an jenem Morgen richtige Angst. Ich konnte ihm das nicht verübeln.
»Ah. Nein. Kein Hinweis auf gewaltsames Eindringen. Es war nicht abgeschlossen, Sir.«
Der Streifenpolizist war äußerst nervös. »Da drin sieht es wirklich ganz übel aus, Sir. Eine Familie.«
Einer der Streifenpolizisten schaltete eine starke Taschenlampe ein, und wir alle schauten in die Küche.
Dort stand ein billiger Resopaltisch mit passenden limonengrünen Vinylstühlen. Eine schwarze Uhr mit Bart Simpsons Porträt darauf hing an der Wand. Es war die Art von Uhr, die man in den Schaufenstern aller einfachen
Drugstores zu sehen bekommt. Der Geruch nach Lysol und verbranntem Fett vermischte sich in der Nase zu etwas Seltsamem, aber nicht ganz Unangenehmem.
Bei Mordfällen gibt es schlimmeren Gestank. Sampson und ich zögerten, nahmen alles in uns auf, wie es vor ein paar Stunden der Mörder getan haben musste.
»Er war genau hier«, sagte ich. »Er ist durch die Küchentür hereingekommen. Er war hier, wo wir jetzt stehen.«
»Red nicht so, Alex«, sagte Sampson. »Du klingst ja wie Jeanne Dixon. Da krieg' ich eine Gänsehaut.
Ganz gleich, wie oft man so was macht, leichter wird es nie. Man möchte nicht hineingehen. Man will sein Leben lang keine grauenhaften Albträume mehr sehen.
»Sie sind oben«, sagte der Cop mit dem Schnurrbart. Er informierte uns darüber, wer die Opfer waren. Eine Familie namens Sanders. Zwei Frauen und ein kleiner Junge.
Sein Partner, ein kleiner, kräftig gebauter Schwarzer, hatte bis jetzt noch kein Wort gesagt. Er hieß Butchie Dykes. Ein sensibler junger Typ, den ich auf dem Revier schon gesehen hatte.
Wir vier betraten das Todeshaus gemeinsam. Jeder von uns holte tief Luft. Sampson tätschelte mir die Schulter. Kindermord erschütterte mich - das wusste er.
Die drei Leichen lagen oben im Schlafzimmer, gleich hinter der Treppe.
Da war die Mutter, Jean »Poo« Sanders, zweiunddreißig. Noch im Tod war ihr Gesicht unvergesslich. Sie hatte große braune Augen, hohe Wangenknochen, volle Lippen, die schon lila geworden waren. Ihr Mund war aufgerissen zu einem Schrei.
Poos Tochter, Suzette Sanders, vierzehn Jahre auf dieser Erde. Sie war erst ein junges Mädchen, aber noch hübscher gewesen als ihre Mutter. Sie trug eine fliederfarbene Schleife im geflochtenen Haar und einen win-
zigen Ring in der Nase, um zu beweisen, dass sie älter war als ihre Jahre. Suzette war mit einer dunkelblauen Strumpfhose geknebelt worden.
Ein kleiner Sohn, Mustaf Sanders, drei Jahre alt, lag mit dem Gesicht nach oben da, und die kleinen Wangen schienen tränenbefleckt zu sein. Er hatte einen Schlafanzug mit Füßchen an, wie ihn auch meine Kinder tragen.
Genau wie Nana Mama gesagt hatte, es war ein schlimmes Viertel in einer Stadt, die jemand zu einer üblen Stadt hatte verkommen lassen. In unserem großen, üblen Land. Die Mutter und die Tochter waren an einen
Bettpfosten aus imitiertem Messing gefesselt. Unterwäsche aus Satin, schwarze und rote Netzstrümpfe und geblümte Bettlaken waren zum Festbinden benutzt worden.
Ich nahm den kleinen Kassettenrecorder heraus, den ich bei mir trage, und zeichnete meine ersten Beobachtungen auf. »Mordfälle H 234 914 bis 916. Mutter, Teenagertochter, kleiner Junge. Die Frauen sind mit einem
scharfen Gegenstand aufgeschlitzt worden. Möglicherweise mit einem Rasiermesser. Die Brüste sind abgeschnitten worden. Brüste nirgends zu sehen. Das Schamhaar der Frauen ist abrasiert worden. Zahlreiche Stichwunden, das, was die Pathologen ein Muster der Wut nennen. Viel Blut, außerdem Fäkalien. Ich glaube, dass beide Frauen, Mutter wie Tochter, Prostituierte waren. Ich habe sie in der Gegend gesehen.«
Meine Stimme war leise und schleppend. Ich fragte mich, ob ich die Worte später noch verstehen würde.
»Die Leiche des kleinen Jungen scheint einfach beiseitegeworfen worden zu sein. Mustaf Sanders trägt einen Overallschlafanzug mit Bären darauf. Er ist ein winziges, zufälliges Bündel im Zimmer.« Ich konnte mich nicht gegen die Trauer wehren, als ich auf den kleinen Jungen hinunterschaute, dessen traurige, leblose Augen zu mir aufsahen. In meinem Kopf ging es sehr laut zu. Das Herz tat mir weh. Armer kleiner Mustaf, wer du auch gewesen sein magst. »Ich glaube nicht, dass er den Jungen töten wollte«, sagte ich zu Sampson. »Er oder sie.«
»Oder es.« Sampson schüttelte den Kopf. »Ich bin für es. Das ist ein Ding, Alex. Dasselbe Ding, das Anfang der Woche in Condon Terrace zugeschlagen hat.«
3
Seit sie drei gewesen war, wurde Maggie Rose Dunne ständig von Menschen beobachtet. Mit neun war sie an besondere Aufmerksamkeit gewöhnt, als wäre sie das tapfere Schneiderlein oder Frankensteins Tochter.
An jenem Morgen wurde sie beobachtet, aber sie wusste es nicht. Dieses eine Mal hätte Maggie Rose darauf geachtet. Dieses eine Mal war es ungeheuer wichtig. Maggie Rose war in der Georgetown-Tagesschule in
Washington, wo sie versuchte, sich den anderen hundertdreißig Schülern anzupassen. Im Augenblick sangen sie alle begeistert im Chor.
Es war für Maggie Rose nicht leicht, sich anzupassen, obwohl sie sich das verzweifelt wünschte. Schließlich war sie die neunjährige Tochter von Katherine Rose. Maggie konnte an keinem Videoladen vorbeigehen, ohne
ein Bild ihrer Mutter zu sehen. Die Filme ihrer Mutter schienen jeden zweiten Abend im Fernsehen zu laufen. Ihre Mom war häufiger für den Oscar nominiert worden, als andere Schauspielerinnen in der Zeitschrift People
erwähnt wurden.
Wegen dieser ganzen Dinge versuchte Maggie Rose, so gut wie möglich in der Menge unterzutauchen. An jenem Morgen hatte sie ein ramponiertes Fido-Dido-Sweatshirt mit strategisch platzierten Löchern vorn und hinten an. Sie hatte zerschlissene, zerknitterte Guess-Jeans ausgewählt. Sie trug alte rosa Reebok-Turnschuhe - ihre »alten Treter« - und Fido-Söckchen ganz unten aus dem Schrank. Sie hatte sich das lange blonde Haar mit Absicht vor der Schule nicht gewaschen.
Ihrer Mom sind schier die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie die Aufmachung sah. Sie sagte: »Igitt«, aber sie ließ Maggie trotzdem so in die Schule. Ihre Mom war toll. Sie begriff wirklich, was für ein schweres Leben
Maggie hatte.
Die Kinder in der überfüllten Aula, Klassen eins bis sechs, sangen »Fast Car« von Tracy Chapman. Ehe sie auf dem schimmernden schwarzen Steinway in der Aula das Folk-Rock-Lied spielte, hatte Ms. Kaminsky versucht,
allen die Botschaft zu erklären.
»Dieses bewegende Lied von einer jungen Schwarzen aus Massachusetts handelt davon, im reichsten Land der Welt bitterarm zu sein. Es handelt davon, in den Neunzigerjahren unseres Jahrhunderts schwarz zu sein.«
Die winzige, klapperdürre Lehrerin für Musik und Kunst war immer so intensiv. Sie hatte das Gefühl, es sei die Pflicht eines guten Lehrers nicht nur zu informieren, sondern zu überzeugen, die wichtigen jungen Köpfe in
der prestigeträchtigen Tagesschule zu formen.
Die Kinder mochten Ms. Kaminsky; deshalb versuchten sie, sich die Nöte der Armen und Benachteiligten vorzustellen. Weil die Schulgebühr an der Georgetown-Tagesschule zwölftausend Dollar betrug, brauchten sie dazu etwas Fantasie.
»Du hast ein schnelles Auto«, sangen sie mit Ms. K. und dem Flügel.
»Und ich habe einen Plan, uns hier rauszubringen.«
Während Maggie »Fast Car« sang, versuchte sie ernsthaft sich vorzustellen, wie es war, wenn man so arm war. Sie hatte genug arme Leute gesehen, die in der Kälte auf den Straßen von Washington schliefen. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie sich schreckliche Szenen zwischen Georgetown und Dupont Circle vor Augen führen. Vor allem die Männer mit dreckigen Lumpen, die einem an jeder Ampel die Windschutzscheibe abwuschen. Ihre Mutter gab ihnen immer einen Dollar, manchmal mehr. Manche Bettler erkannten ihre Mutter und drehten völlig durch. Sie grinsten, als wäre das der Höhepunkt ihres Tages, und Katherine Rose hatte ihnen immer etwas Nettes zu sagen.
»Du hast ein schnelles Auto«, sang Maggie Rose laut. Sie wollte ihre Stimme richtig anschwellen lassen. »Aber ist es so schnell, dass es wegfliegen kann? Wir müssen uns entscheiden. Heute Nacht weg, und wir leben, sonst Tod uns beiden.«
Das Lied ging mit lautem Beifall und Jubel von allen Schülern in der Aula zu Ende. Ms. Kaminsky verbeugte sich etwas linkisch vor dem Flügel.
»Schwere Pflichtübung«, murmelte Michael Goldberg. Michael stand rechts neben Maggie. Er war ihr bester Freund in Washington, in das sie vor noch nicht einmal einem Jahr mit ihren Eltern von Los Angeles aus gezogen
war.
Michael meinte das natürlich ironisch. Wie immer. Das war seine Ostküstenart mit Leuten umzugehen, die nicht so schlau waren wie er - was so gut wie alle in der freien Welt umfasste.
Michael Goldberg war ein echtes Genie, das wusste Maggie. Er las alles und jedes, sammelte Verrücktes, stellte Verrücktes an, war immer witzig, wenn er einen mochte. Er war jedoch ein »blaues Baby« gewesen und
war immer noch nicht besonders groß oder kräftig. Das hatte ihm den Spitznamen »Shrimpie« eingetragen, der Michael von seinem Podest des Genies etwas herunterholte.
Maggie und Michael fuhren an den meisten Morgen gemeinsam zur Schule. An jenem Morgen waren sie mit einem Auto vom Secret Service gekommen. Michaels Vater war Finanzminister. Der Finanzminister. In der
Georgetown-Tagesschule war niemand schlicht und einfach »normal«. Alle versuchten, sich anzupassen, auf die eine oder andere Weise.
Als die Schüler die Aula verließen, wurden alle gefragt, wer sie nach der Schule abhole. In der Georgetown-Tagesschule war Sicherheit ungeheuer wichtig.
»Mr Devine -«, erklärte Maggie dem aufsichthabenden Lehrer an der Tür der Aula. Er hieß Mr Guestier und unterrichtete Sprachen, wozu an der Schule Französisch, Russisch und Chinesisch gehörten. Er hatte den
Spitznamen »Le Pric«.
»Und Jolly Chollie Chakeley«, sprach Michael Goldberg für sie weiter. »Secret-Service-Dienstnummer neunzehn. Großer Lincoln. Kennzeichen SC-fünfzehn. Nordausgang, Pelham Hall. Sie sind auf moi angesetzt,
weil das kolumbianische Kartell Todesdrohungen gegen meinen Vater geäußert hat. Au revoir, mon professeur.«
Es wurde in den Terminkalender der Schule unter dem 22. Dezember eingetragen. M. Goldberg und M.R. Dunne - werden vom Secret Service abgeholt. Nordausgang, Pelham, um drei.
»Komm schon, Frechdachs.« Michael Goldberg stieß Maggie Rose in die Rippen. »Ich hab' ein schnelles Auto. Tam, ta, ta. Und ich habe einen Plan, uns hier rauszubringen.«
Kein Wunder, dass sie ihn mochte, dachte Maggie. Wer sonst hätte sie einen Frechdachs genannt ? Wer außer Shrimpie Goldberg?
Als sie die Aula verließen, wurden die beiden Freunde beobachtet. Beiden fiel nichts auf, nichts Ungewöhnliches. Ihnen sollte auch nichts auffallen. Das war meisterhaft so geplant.
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Genehmigte Lizenzausgabe für Sammler-Editionen in der
Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt, 86167 Augsburg
Copyright © 1993 by James Patterson
Published by arrangement with Linda Michaels Limited,
International Literary Agents.
Copyright © der deutschen Übersetzung 1993
by Econ Verlag, Düsseldorf
Econ ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
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Titel der Originalausgabe: Along Came a Spider
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