Leseprobe
Leseprobe aus "Küss mich, wenn du kannst" von Susan Elizabeth Phillips
Für unsere Söhne …
und die Frauen, die sie lieben
Kapitel 1
Hätte Annabelle kein regloses Individuum unter »Sherman« gefunden, wäre sie pünktlich im Büro des Python angekommen. Aber unter dem alten Crown Victoria Ford ihrer Nana ragten schmutzige nackte Füße hervor. Wie ihr ein vorsichtiger Blick unter das Auto verriet, gehörten sie zu einem Obdachlosen. In ihrer Wicker-Park-Nachbarschaft nannte man ihn einfach nur »Mouse«. Der Mann war geradezu berühmt für seinen Mangel an persönlicher Hygiene und seine Vorliebe für billigen Wein. Neben seiner Brust, die sich im Rhythmus der Schnarchgeräusche hob und senkte, lag eine leere Flasche mit Schraubverschluss.
Dass Annabelle das Treffen mit dem Python äußerst wichtig nahm, bezeugte ihre Überlegung, ob sie den Wagen irgendwie – mit ein bisschen Hin und Her vielleicht – über Mouse hinwegmanövrieren sollte. Aber dafür war die Parklücke zu schmal. Sie hatte viel Zeit veranschlagt, um sich zurechtzumachen, in die City zu fahren und ihren Elf-Uhr- Termin einzuhalten. Unglücklicherweise tauchten ständig irgendwelche Hindernisse auf, angefangen mit Mr Bronicki, der sie an der Haustür aufgehalten und sich geweigert hatte, den Weg freizugeben, bevor er seinen Wortschwall losgeworden war. Wie auch immer, vorerst betrachtete sie Mouse nicht als Problem. Er musste einfach nur unter Sherman hervorkriechen.
Behutsam stupste sie seinen Knöchel mit ihrer Fußspitze an. Dabei merkte sie, dass die improvisierte Mischung aus Hershey’s-Schokoladesirup und Elmer’s-Kleister den Kratzer am Absatz ihrer Riemensandalette nur notdürftig verdeckte.
»Mouse?« Er rührte sich nicht. Jetzt stieß sie ihn etwas heftiger an. »Wachen Sie auf, Mouse! Sie müssen da hervorkommen.«
Nichts. Also musste sie drastischere Maßnahmen ergreifen. Sie schnitt eine Grimasse und bückte sich, umfasste zögernd einen schmutzigen Knöchel und rüttelte daran.
»Nun machen Sie schon, Mouse, wachen Sie auf!«
Wäre nicht dieses quiekende Schnarchen gewesen, hätte er tot sein können. Sie schüttelte ihn noch heftiger.
»Zufällig ist das der wichtigste Tag in meinem Berufsleben, und ich könnte ein bisschen Kooperation gebrauchen.« Leider wollte er nicht kooperieren, und so sah sie sich gezwungen, etwas stärkeren Druck auf ihn auszuüben.
Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie vorsichtig den Rock des Kostüms aus dotterblumengelber Rohseide hoch, das sie am Vortag bei einem Räumungsverkauf um sechzig Prozent billiger erstanden hatte, und kauerte sich neben die Stoßstange. »Wenn Sie nicht sofort hervorkriechen, rufe ich die Polizei.«
Mouse schnarchte.
Da stemmte sie die Schuhabsätze gegen das Pflaster und riss mit aller Kraft an beiden Knöcheln. Viel zu warm schien die Morgensonne auf ihren Kopf herab. Mouse rutschte gerade weit genug zur Seite, um eine Schulter unter das Chassis zu klemmen, und sie zerrte noch einmal an seinen Füßen. Unter ihrer Jacke begann das ärmellose weiße Top, das sie passend zu Nanas tränenförmigen Perlenohrringen ausgesucht hatte, an der Haut zu kleben. Was mit ihrer Frisur geschehen würde, wollte sie sich gar nicht vorstellen. Es war wirklich kein günstiger Zeitpunkt für die gähnende Leere in ihrer Styling- Gel-Tube. Inständig hoffte sie, der restliche Inhalt der Haarspraydose, die sie unter dem Waschbecken im Bad gefunden hatte, würde die wirren roten Locken bändigen, die schon immer der Fluch ihrer Existenz waren und ganz besonders in einem schwülen Chicagoer Sommer.
Falls sie Mouse in den nächsten fünf Minuten nicht unter Sherman hervorbefördern könnte, hätte sie ein ernsthaftes Problem. Sie ging zur Fahrerseite und kauerte sich wieder hin, hörte ihre Kniegelenke knacken und spähte in sein erschlafftes Gesicht. »Wachen Sie endlich auf, Mouse! Hier können Sie nicht bleiben!«
Ein schmutziges Lid blinzelte und senkte sich sofort wieder. »Schauen Sie mich an!« Annabelle bohrte einen Finger in seine Brust. »Wenn Sie rauskommen, gebe ich Ihnen fünf Dollar.«
Nun bewegten sich seine Lippen. Sabbernd würgte er gutturale Laute hervor. »Geh’n Sie weg.«
Sein Mundgeruch trieb ihr Tränen in die Augen. »Wieso sind Sie ausgerechnet heute unter meinem Auto eingeschlafen? Warum nicht unter Mr Bronickis Karre?« Mr Bronicki wohnte auf der anderen Seite der Gasse und verbrachte seinen Ruhestand mit Marotten, die Annabelle wahnsinnig machten. Weil ihr die Zeit davonlief, geriet sie allmählich in Panik. »Hätten Sie gern Sex? Wenn Sie sich hervorbemühen würden, könnten wir drüber reden.« Noch ein Sabbern, noch ein röchelndes Schnarchen. Anscheinend ein hoffnungsloser Fall. Sie sprang auf und rannte zum Haus. Zehn Minuten später köderte sie Mouse mit einer geöffneten Bierdose. Sicher keine korrekte Methode …
Nachdem sie Sherman aus der Hintergasse zur Straße gesteuert hatte, blieben ihr nur mehr einundzwanzig Minuten, um sich durch den dichten Verkehr bis in den Loop zu schlängeln und einen Parkplatz zu finden. Ihre Beine starrten vor Schmutz, ihr Top war zerknittert, und ein Fingernagel war abgebrochen, als sie die Bierdose geöffnet hatte. Inzwischen spielten die zusätzlichen fünf Pfund, die sich seit Nanas Tod auf ihrer zartknochigen Gestalt angesammelt hatten, keine allzu große Rolle mehr.
Zehn Uhr neununddreißig.
Dem Stau bei der Baustelle auf dem Kennedy Expressway durfte sie sich nicht ausliefern. Deshalb fuhr sie zur Division. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie sich noch ein Löckchen aus der Umklammerung des Haarsprays löste. Auf ihrer Stirn glänzten Schweißtropfen. Um weiteren Straßenbauarbeiten auszuweichen, riskierte sie einen Umweg die Halsted hinab. Während sie Shermans Panzerwagenkarosserie durch den Verkehr bugsierte, rieb sie ihre verschmutzten Beine mit dem feuchten Papiertuch ab, das sie aus ihrer Küche mitgenommen hatte. Warum hatte Nana keinen hübschen kleinen Honda Civic gefahren statt dieses widerlichen grünen Monsters, das Benzin in rauen Mengen verschlang? Mit ihren eins sechzig musste Annabelle auf einem Kissen sitzen, um über das Lenkrad hinwegzuschauen. Um ein Kissen hatte sich Nana nie gekümmert. Aber sie war ja auch kaum gefahren. Nach einem Dutzend Jahren Lebenszeit zeigte Shermans Tacho knapp dreiundsechzigtausend Kilometer an.
Als sie von einem Taxi geschnitten wurde, stützte sie sich auf die Hupe. Zwischen ihren Brüsten rann Schweiß hinab. Unbehaglich spähte sie auf ihre Uhr. Zehn vor elf. Sie versuchte, sich zu erinnern, ob sie nach der Dusche ein Deo benutzt hatte. Ja, natürlich. Das tat sie immer. Um sicherzugehen, hob sie einen Arm und schnüffelte. Im selben Moment polterte Sherman über ein Schlagloch. Ihr Mund stieß gegen ihren dotterblumengelben Kragen und hinterließ einen rostbraunen Lippenstiftfleck.
Frustriert schrie sie auf und griff über den breiten Beifahrersitz nach ihrer Einkaufstasche, mit dem Erfolg, dass dieses verflixte Ding von der Kante rutschte und in den Grand Canyon hinabstürzte. An der Halsted-Chicago-Kreuzung sprang die Ampel auf Rot um. Annabelles Haare klebten am Nacken, weitere Löckchen machten sich selbstständig, und sie versuchte ihr Glück mit ein bisschen Yoga-Atmung. Da sie erst ein einziges Mal am Kurs teilgenommen hatte, war das nicht sonderlich wirkungsvoll. Wieso, um alles in der Welt, hatte sich Mouse gerade diesen Tag, der über Annabelles beru8 iche Zukunft entscheiden würde, aussuchen müssen, um unter ihrem Auto im Delirium zu versinken?
Im Schneckentempo kroch Sherman zum Loop. Noch eine der für Chicago typischen Dauerbaustellen. Dann kam sie am Daley Center vorbei. Für die übliche Tour durch die umliegenden Straßen auf der Suche nach einer Parklücke, in die ihr voluminöser Schlitten passen würde, fehlte ihr die Zeit. Und so fuhr sie in die nächstbeste sündteure Tiefgarage, warf dem Parkwächter den Autoschlüssel zu und stürmte davon.
Fünf nach elf. Kein Grund zur Panik. Sie würde einfach von Mouse erzählen. Das würde der Python sicher verstehen.
Oder auch nicht.
Als sie die Eingangshalle des Bürohochhauses betrat, wehte ihr ein kalter Luftzug von der Klimaanlage entgegen. Acht nach elf. Glücklicherweise war die Liftkabine leer, und Annabelle drückte auf den Knopf für den dreizehnten Stock.
»Lass dich bloß nicht von ihm einschüchtern«, hatte Molly sie am Telefon ermahnt. »Der Python lebt von der Angst seiner Mitmenschen.«
Klar, Molly hatte leicht reden – die saß mit einem traumhaften Ehemann, einem fantastischen Footballspieler, einer grandiosen eigenen Karriere und zwei süßen Kindern daheim.
Langsam schlossen sich die Lifttüren. Annabelle sah sich in der Spiegelwand und stöhnte. Mittlerweile hatte sich ihr rohseidenes Kostüm in eine schlappe Masse aus dotterblumengelben Knitterfalten verwandelt, der Rock strotzte an der Seite vor Schmutz. Der Lippenstiftfleck am Revers stach wie ein leuchtender Weihnachtsaufkleber hervor. Am allerschlimmsten war, dass sich ihr Haar Löckchen für Löckchen aus dem Haarspraynetz befreite, das alles belasten und nach unten drücken sollte. Schlaff hingen die Löckchen um ihr Gesicht herum, wie Bettfedern, die man aus dem Fenster geworfen hatte und in einer Seitengasse verrosten ließ.
Immer wenn sie sich über ihr Aussehen ärgerte, das sogar ihre Mutter nur als »nett« bezeichnete, tröstete sie sich normalerweise mit ihren Vorzügen. Mit den schönen honigbraunen Augen, den langen Wimpern und dem hellen, trotz mehrerer Sommersprossen makellosen Teint. Aber diesmal konnte ihr positives Denken das Bild, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte, nicht erträglicher gestalten. Sie strich ein paar Locken hinter die Ohren und glättete den Rock. Bedauerlicherweise glitten die Lifttüren auseinander, bevor sie den Schaden halbwegs zu beheben vermochte.
Neun nach elf.
Dicht vor ihr prangten goldene Lettern auf einer Glaswand: CHAMPION SPORTS MANAGEMENT. Sie eilte über den Teppichboden eines Flurs und öffnete eine Tür mit geschwungener Metallklinke. In der Rezeption standen eine Ledercouch und passende Sessel. Gerahmte Sporttrophäen hingen an den Wänden. Auf einem großen TV-Bildschirm flimmerte fast lautlos ein Basketballspiel. Schmallippig spähte eine Empfangsdame mit kurzem, stahlgrauem Haar über das blaue Metallgestell einer Lesebrille hinweg und begutachtete Annabelles derangierte äußere Erscheinung. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Annabelle Granger. Ich habe einen Termin bei dem Py… bei Mr Champion.«
»Leider haben Sie sich verspätet, Miss Granger.«
»Nur um zehn Minuten.«
»Mehr als diese zehn Minuten konnte Mr Champion wegen seines randvollen Terminkalenders nicht für Sie erübrigen.«
Damit bestätigte sich Annabelles Verdacht. Er war nur bereit gewesen, sie zu empfangen, weil er ihre Freundin, die Frau seines Spitzenklienten, nicht verärgern wollte. Verzweifelt schaute sie auf die Wanduhr. »Ich bin eigentlich nur neun Minuten zu spät dran. Also habe ich noch eine Minute.«
»Tut mir leid.« Die Rezeptionistin wandte sich wieder zu ihrem Computer und begann zu tippen.
»Nur eine Minute!«, flehte Annabelle. »Mehr verlange ich doch gar nicht!«
»Da kann ich nichts machen.«
Diesen Termin brauchte Annabelle, und zwar jetzt. Sie fuhr herum und stürmte zur getäfelten Tür am anderen Ende des Empfangsraums.
»O nein, Miss Granger!«
Annabelle rannte in einen Mittelgang, wo zwei Büros einander gegenüberlagen. In einem saßen zwei adrette junge Männer, die Designerhemden und Krawatten trugen.
Ohne die beiden zu beachten, steuerte sie eine weitere im posante getäfelte Tür in der Mitte der hinteren Wand an und drehte den Knauf herum. Das Büro des Python wies die Farbe des Geldes auf – lackierte jadegrüne Wände, ein dicker moosgrüner Teppich und in verschiedenen Grünschattierungen gepolsterte Sitzgarnituren, mit blutroten Kissen akzentuiert. Oberhalb der Couch hingen diverse Pressefotos und Sportsouvenirs neben einem rostigen weißen Metallschild, dessen verblasste schwarze Blockbuchstaben BEAU VISTA verkündeten. Die breite Fensterfront ging natürlich zum fernen Lake Michigan hinaus. Der Python thronte hinter einem schnittigen u-förmigen Schreibtisch, dessen Sessel mit der hohen Lehne zur Aussicht gedreht war.
Auf dem Tisch entdeckte Annabelle einen Computer, der dem neuesten Stand der Technik entsprach, einen kleinen Laptop, einen BlackBerry und eine technisch restlos ausgefeilte Telefonkonsole mit genug Tasten, um die Landung eines Jumbo-Jets zu dirigieren.
»Fürs dritte Jahr ist das Geld okay, aber sicher nicht, wenn sie dich zu früh fallen lassen«, entschied der Python mit tiefer, scharfer Midwestern-Stimme. »Ja, es ist ein Risiko, das weiß ich. Andererseits – wenn du nur für ein Jahr unterschreibst, grasen wir den freien Markt ab.« Annabelle musterte ein kraftvolles gebräuntes Handgelenk, eine sportive Armbanduhr, lange Finger, die um den Hörer geschlungen waren. »Letzten Endes ist es deine Entscheidung, Jamal, und ich kann dich nur beraten.«
Hinter ihr flog die Tür auf, und die Empfangsdame rauschte herein, alle Federn wie ein beleidigter Sittich gesträubt. »Tut mir leid, Heath, sie ist mir einfach davongelaufen.«
Ganz langsam schwenkte der Python seinen Sessel herum, und Annabelle zuckte zusammen, als würde sie in den Magen geboxt.
Total cool, mit kantigem Kinn … Alles an ihm strahlte den hartgesottenen Selfmademan aus, einen Grobian, der in der Schule für gute Manieren zweimal durchgefallen war und es beim dritten Anlauf endlich geschafft hatte. Sein dichtes Haar glänzte in einer Farbmischung aus Aktentaschenleder und einer Flasche Budweiser. Eine prägnante, gerade Nase drückte unerschütterliches Selbstvertrauen aus. Durch eine der dunklen Brauen zog sich eine dünne helle Narbe. Markante, wohlgeformte Lippen bezeugten wenig Geduld mit menschlicher Dummheit, Leidenschaft für pausenlose Arbeit und möglicherweise – aber da könnte sie sich täuschen – den Entschluss, noch vor dem fünfzigsten Geburtstag ein Chalet bei St. Tropez zu besitzen. Ohne die etwas unregelmäßigen Züge wäre er unerträglich attraktiv gewesen. So sah er nur atemberaubend gut aus. Warum brauchte so ein Mann eine Heiratsvermittlerin?
Während er telefonierte, inspizierte er ihr Gesicht. Seine Augen zeigten genau das gleiche Grün wie ein Hundert- Dollar-Schein. »Dafür bezahlst du mich, Jamal.« Nachdem er Annabelles schlampige Erscheinung registriert hatte, warf er der Rezeptionistin einen frostigen Blick zu. »Heute Nachmittag rede ich mit Ray. Nimm dich vor diesem großkotzigen Angebot in Acht. Und sag Audette, ich schicke ihr noch eine Kiste Krug Grande Cuvée«, fügte er hinzu und legte auf.
»Ihr Elf-Uhr-Termin, Heath«, erklärte die Empfangsdame.
»Natürlich habe ich ihr gesagt, es sei zu spät für ein Gespräch mit Ihnen.« Bevor er antwortete, schob er seine Ausgabe der Pro Football Weekly beiseite. Er hatte große Hände mit sauberen, ordentlich geschnittenen Fingernägeln. Trotzdem fliel es Annabelle nicht schwer, sich schwarzes Motoröl auf diesen Händen vorzustellen. Vermutlich kostete seine marineblau gemusterte Krawatte mehr als ihr ganzes Outfit. Das hellblaue Hemd musste maßgeschneidert sein. Sonst würde es nicht so perfekt um die breiten Schultern herum sitzen und sich zur Taille hin dezent verengen.
»Offenbar hört sie schlecht.«
Nun verlagerte er sein Gewicht im Sessel, und das Hemd schmiegte sich an eine imposante muskulöse Brust. Unbehaglich dachte Annabelle an den Biologieunterricht in der Highschool und erinnerte sich vage an einen Vortrag über Pythonschlangen. Die pflegten ihre Beute am Stück zu verschlingen, mit dem Kopf voran.
»Soll ich den Sicherheitsbeamten rufen?«, fragte die Empfangsdame.
Die grünen Raubtieraugen simulierten einen K.-o.-Schlag in den Magen, und Annabelle schluckte mühsam. Obwohl er die rauen Kanten abgeschliffen hatte, existierte der Kneipenrandalierer in ihm immer noch. »Nein, ich glaube, ich werde mit ihr fertig.«
Plötzlich wurde sie von erotischen Gefühlen erfasst – völlig unpassend und unerwünscht und so deplatziert, dass sie schwankte und gegen einen Sessel stieß. Mit übermäßig selbstbewussten Männern konfrontiert zeigte sie sich nie von ihrer besten Seite. Und weil sie dieses spezielle Exemplar unbedingt beeindrucken musste, ver9 uchte sie ihre Ungeschicklichkeit ebenso wie das zerknitterte Kostüm und das Medusenhaar.
Molly hatte ihr zur Aggressivität geraten. »Rücksichtslos hat er sich den Weg an die Spitze erkämpft. Mit einem Klienten nach dem anderen. Totale Angriffslust ist die einzige Emotion, die Heath Champion versteht.« Aber Annabelle war nicht aggressiv veranlagt. Alle Leute, vom Bankbeamten bis zum Taxifahrer, übervorteilten sie. Erst letzte Woche hatte sie ein Neunjähriger abgekanzelt, der sich über Sherman schiefgelacht hatte. Sogar ihre eigene Familie – ganz besonders ihre Familie – behandelte sie wie einen Fußabstreifer.
Das hatte sie gründlich satt. Die Leute durften sie nicht mehr unterbuttern, und sie wollte sich nie wieder wie eine Lachnummer fühlen. Wenn sie jetzt klein beigab – wohin würde das führen? Sie schaute in die grünen Hundert-Dollar- Augen. Und da wusste sie es – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo sie ganz tief in ihren Granger-Gen-Pool greifen und endlich mit harten Bandagen kämpfen musste. »Unter meinem Auto lag eine Leiche.« Beinahe stimmte das, Mouse war mehr oder weniger von der Totenstarre gelähmt worden.
Leider wirkte der Python unbeeindruckt. Aber wahrscheinlich trug er die Verantwortung für so viele Leichen, dass ihn ihre Story langweilte.
Annabelle holte tief Luft. »Und dann hat mich dieser ganze bürokratische Kram schrecklich viel Zeit gekostet. Sonst wäre ich pünktlich hierhergekommen. Überpünktlich. Ich bin sehr gewissenhaft. Und professionell …« Prompt ging ihr der Atem aus. »Stört es Sie, wenn ich mich setze?«
»Ja.«
»Danke.« Annabelle sank in den nächstbesten Sessel.
»Hören Sie schlecht?«
»Was?«
Einige Sekunden lang starrte er sie an, bevor er die Empfangsdame entließ. »In den nächsten fünf Minuten keine Anrufe, Sylvia, es sei denn, Phoebe Calebow ist am Apparat. « Die Frau verließ das Büro, und er seufzte resignierend. »Wie ich annehme, sind Sie Mollys Freundin.« Sogar seine ähne sahen bedrohlich aus – stark, rechteckig und schneeweiß. »Wir waren zusammen auf dem College.«
»Wenn ich auch nicht unhöfl ich sein will …« Seine Finger trommelten auf den Schreibtisch. »Fassen Sie sich kurz.«
Machte er Witze? Wo er doch von seinem Rüpelstil geradezu lebte … Sie stellte sich vor, er hätte auf dem College bedauernswerte Computerfreaks aus dem Schlafzimmerfenster baumeln lassen und einer schluchzenden, womöglich schwangeren Freundin ins Gesicht gelacht. Um Selbstbewusstsein zu demonstrieren, richtete sie sich kerzengerade in ihrem Sessel auf. »Ich bin Annabelle Granger von …«
»Ah, die Kupplerin.« Unentwegt trommelten seine Finger auf das Holz.
»Ich würde mich als Ehevermittlerin bezeichnen.«
»Tatsächlich?« Die Dollar-Augen schienen sie zu durchbohren. »Wie Molly mir erzählt hat, wird Ihre Firma ›Myrna die Kupplerin‹ genannt – oder so ähnlich.«
Zu spät fiel ihr ein, dass sie diesen besonderen Punkt bei ihren Gesprächen mit Molly übersehen hatte. »In den siebziger Jahren gründete meine Großmutter die Agentur ›Marriages by Myrna‹. Sie starb vor drei Monaten. Seither modernisiere ich die Firma, und ich gab ihr einen neuen Namen, um unsere Philosophie zu betonen. Wir bemühen uns um einen individuellen Service für anspruchsvolle Personen in gehobener Stellung.« Verzeih mir, Nana, das musste sein.
»Wie groß ist Ihr Laden?«
Ein Telefon, ein Computer, Nanas staubiger Aktenschrank und ich selbst … »Gerade so groß, dass ich alles unter Kontrolle habe. Ich finde, um flexibel zu bleiben, sollte eine Agentur überschaubar sein.« Hastig fuhr sie fort: »Die Firma gehörte meiner Großmutter, ich bin qualifiziert genug, um sie zu leiten.« Zu diesen Quali9 kationen zählten ein Bakkalaureus in Theaterwissenschaft an der Northwestern University – ein Titel, den sie offl ziell nie benutzte –, ein kurzfristiger Job bei einer Dotcom-Firma, die pleiteging, eine Partnerschaft in einem erfolglosen Geschenkartikelladen und zuletzt ein Arbeitsplatz in einer Stellenvermittlung, die der prekären Wirtschaftslage zum Opfer gefallen war.
Lässig lehnte er sich in seinem Drehsessel zurück. »Da ich uns beiden Zeit ersparen will, mach ich’s kurz – ich habe bereits einen Vertrag mit Portia Powers.«
Darauf war Annabelle vorbereitet. Portia Powers betrieb Power Matches, das exklusivste Heiratsvermittlungsinstitut von Chicago. Ihren legendären Ruf hatte sie mit einem fabelhaften Service für hohe Tiere erworben, die zu beschäftigt waren, um die gewünschten Traumfrauen zu finden, und reich genug, um exorbitante Honorare zu bezahlen. Nicht zuletzt lebte sie von ihren ausgezeichneten gesellschaftlichen Kontakten. Sie war aggressiv, angeblich skrupellos, was allerdings nur von ihrer Konkurrenz behauptet wurde und vielleicht auch auf professionellem Neid basierte.
Da Annabelle sie nicht kannte, hielt sie sich mit einem Urteil zurück. »Über diesen Vertrag bin ich informiert. Doch das bedeutet keineswegs, Sie könnten mich nicht ebenfalls engagieren.«
Heath Champion betrachtete die blinkenden Lämpchen an seiner Telefonkonsole. Zwischen seinen Brauen entstand eine steile Falte, die seine wachsende Irritation bezeugte. »Warum sollte ich mir die Mühe machen?«
»Weil ich wirklich hart für Sie arbeiten würde. Und weil ich Ihnen intelligente, tüchtige Frauen vorstellen möchte, die Sie nicht langweilen werden, sobald der Reiz des Neuen verflogen ist.«
Erstaunt starrte er sie an. »So gut kennen Sie mich?«
»Mr Champion …« Das konnte unmöglich sein richtiger Name sein, oder? »Offenbar sind Sie es gewöhnt, mit schönen Frauen auszugehen, und dabei ergab sich sicher sehr oft eine Gelegenheit zur Eheschließung. Trotzdem sind Sie immer noch unverheiratet. Aus dieser Tatsache schließe ich, dass Sie ein facettenreicheres Glück als nur eine oberfl ächliche Schönheit suchen.«
»Glauben Sie, dazu wird mir Portia Powers nicht verhelfen?«
Annabelle wollte nicht über die Konkurrenz lästern, wenn sie auch voraussah, dass Portia Powers ihm ausschließlich Models und Schickeria-Mädchen präsentieren würde. »Ich weiß nur, was Perfect for You zu bieten hat, und das wird Ihnen ganz sicher gefallen.«
»Nicht einmal für Besprechungen mit Power Matches finde ich Zeit. Warum sollte ich mir noch eine Agentur aufhalsen. « Der Python hievte sich aus seinem Sessel hoch. Da er sehr groß war, dauerte es eine Weile.
Seine breiten Schultern hatte sie schon bemerkt. Jetzt sah sie den ganzen Rest seines athletischen Körpers. Falls man Männer, die in Testosteron schwammen, und gefährlichen Sex mochte, wäre er die Nummer eins im gespeicherten Telefonbuch. Nicht, dass Annabelle an ihr eigenes Sexleben dachte. Zumindest hatte sie sich nicht damit befasst, bevor er aufgestanden war. Er ging um den Schreibtisch herum und reichte ihr seine Hand. »Netter Versuch, Annabelle. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«
Also gab er ihr keine Chance. Von Anfang an hatte er nur geplant, der Form halber mit ihr zu reden, damit er Molly beruhigen konnte. Annabelle dachte an all die Energie, die sie in diesen Termin investiert hatte; an die zwanzig Dollar, die sie zahlen musste, um Sherman aus der Parkgarage zu befreien; an die mühselig gesammelten Infos über das supertüchtige vierunddreißigjährige Landei, das jetzt vor ihr stand. Und sie dachte an ihre Hoffnungen, ihre Träume von ihrer einzigartigen, erfolggekrönten Agentur. In ihrem Innern eskalierte jahrelanger Frust wegen lausiger Entscheidungen, Pechsträhnen und verpasster Gelegenheiten.
Wütend ignorierte sie seine Hand und sprang auf. »Wissen Sie noch, wie Sie sich als Underdog gefühlt haben, Mr Champion? Oder ist es schon zu lange her? Erinnern Sie sich an die Zeiten, als Sie so versessen auf einen Deal waren, dass Sie alles dafür getan hätten? Wie Sie durchs ganze Land gefahren sind, ohne zu schlafen, nur weil Sie einen Heisman- Kandidaten zum Frühstück treffen wollten – einen Jungen, der zum besten College-Footballer des Landes ernannt werden sollte? Stundenlang haben Sie auf dem Parkplatz beim Bears-Trainingsgelände herumgestanden und versucht, die Aufmerksamkeit eines Profl s zu fesseln. Und einmal mussten Sie sich mit hohem Fieber aus dem Bett schleppen, weil Sie unbedingt die Kaution für den Klienten einer anderen Agentur zahlen wollten, der im Knast saß.«
»Wie ich sehe, haben Sie Ihre Hausaufgaben gemacht.« Ungeduldig beobachtete er die blinkenden Telefonlämpchen.
Aber er warf Annabelle nicht raus, und so setzte sie ihre Tirade fort. »Als Sie ein Neuling in der Branche waren, hätte Ihnen ein Spieler wie Kevin Tucker keinen zweiten Blick zugeworfen. Erinnern Sie sich, was damals in Ihnen vorging? Wenn kein einziger Reporter bei Ihnen anrief, um nach den Quoten zu fragen? Denken Sie nie mehr an die Zeiten, als sämtliche Leute von der National Football League Sie noch nicht beim Vornamen nannten?«
»Falls ich sage, ich erinnere mich dran – werden Sie dann gehen?« Der Python griff nach den Kopfhörern neben der Telefonkonsole.
Die Hände geballt, wünschte sie inbrünstig, sie würde einen leidenschaftlichen Eindruck erwecken, keinen verrückten. »Alles, was ich will, ist eine Chance. So wie Sie damals eine fantastische Möglichkeit bekamen! Als Kevin seinen früheren Agenten feuerte und auf einen wortgewandten Sportfreak baute, der’s aus einem Provinznest im südlichen Illinois bis zur juristischen Fakultät von Harvard gebracht hatte!«
Nun setzte er sich wieder und zog eine dunkle Braue hoch.
»Ein Kid aus der Arbeiterklasse, das im College für sein Stipendium Football spielte und sich auf sein Hirn verließ, um voranzukommen. Ein Junge, der nichts vorzuweisen hatte außer großen Träumen und einer enormen Arbeitsmoral, der …«
»Hören Sie auf, bevor ich in Tränen ausbreche«, unterbrach er sie trocken.
»Geben Sie mir eine Chance. Lassen Sie mich ein Date vermitteln. Nur ein einziges. Wenn Ihnen die Frau nicht gefällt, die ich für Sie aussuche, werde ich Sie nie wieder belästigen. Bitte! Alles würde ich tun.«
Damit erregte sie sein Interesse. Er legte die Kopfhörer beiseite, lehnte sich in seinem Sessel zurück und strich mit einem Daumen über seinen Mundwinkel. »Alles?«
Tapfer hielt sie seinem abschätzenden Blick stand. »Was immer nötig ist.«
Erst taxierte er ihr zerzaustes rotes Haar, dann ihre Lippen, die Brüste. »Nun – mir hat’s schon lange keine Frau mehr so richtig besorgt.«
Ihre verkrampften Halsmuskeln entspannten sich. Okay, der Python spielte mit ihr. »Warum tun wir nicht was dagegen, erst mal ganz unverbindlich?« Sie öffnete ihren kunstledernen Shopper und nahm die Mappe mit dem Material heraus, das sie an diesem Morgen bis um fünf Uhr zusammengestellt hatte. »Hier finden Sie genauere Informationen über Perfect for You. Ich habe Angaben über unsere Firmenphilosophie, das Programm und die finanziellen Bedingungen beigelegt.«
Nachdem er sich seinen Spaß mit ihr erlaubt hatte, schlug er einen geschäftsmäßigen Ton an. »Für Philosophien interessiere ich mich nicht, nur für Ergebnisse.«
»Die werden Sie von mir kriegen.«
»Mal sehen.«
Zitternd schöpfte sie Atem. »Heißt das …«
Heath Champion ergriff wieder die Kopfhörer, legte sie um seinen Hals und ließ das Kabel wie einen Schlangenschwanz vor seinem Hemd baumeln. »Also gut, ich gebe Ihnen eine Chance. Eine einzige. Morgen Abend. Überwältigen Sie mich mit Ihrer besten Kandidatin.«
»Wirklich?« Ihre Knie wurden weich. »Ja? Oh, wundervoll … Aber ich muss ganz genau wissen, wonach Sie suchen. «
»Beweisen Sie mir Ihre Kompetenz«, erwiderte er und schaltete die Kopfhörer ein. »Neun Uhr abends im Sienna’s an der Clark Street. Machen Sie mich mit der Lady bekannt. Danach dürfen Sie nicht verschwinden. Bleiben Sie am Tisch sitzen, kümmern Sie sich um die Konversation. Ich arbeite hart genug. Mit so was will ich mich nicht auch noch belasten.«
»Ich soll dabei sein?«
»Exakt zwanzig Minuten. Dann bringen Sie Ihre Kandidatin weg.«
»Zwanzig Minuten? Meinen Sie nicht, sie wird das ein bisschen – entwürdigend finden?«
»Wenn sie die Richtige ist, sicher nicht.« Der Python schenkte ihr sein rustikales Lächeln. »Wissen Sie, warum nicht, Miss Granger? Weil die Richtige so verdammt nett und sanftmütig ist, dass sie nie beleidigt ist. Und jetzt raus mit Ihnen, bevor ich’s mir anders überlege.«
Ohne ein weiteres Wort floh sie aus dem Büro...