Frage sollten Sie eigentlich den Lesern stellen, oder? Aber ich werde Ihnen ein
bisschen davon erzählen, was ich von meinen Lesern gehört habe...
Viele mögen es,
mit mir Zeitreisen zu unternehmen; sie sagen, die Lebendigkeit der Story gebe
ihnen das Gefühl, Teil der Geschichte zu sein. Als wären sie mittendrin im 18.
Jahrhundert, mit seinen Gebäuden, Tönen und Gerüchen. Viele mögen die Art und
Weise, in der ich ihnen Wissen und Informationen vermittle - über Geschichte
(bei mir stimmen alle Fakten), über Schottland, die Kräutermedizin und viele
andere Dinge, von denen ich im Buch erzähle. Viele lieben die Abenteuer, von
denen ich berichte. "Es sind Abenteuer ohne Ende", sagt mein Mann
immer. Einige mögen auch die Liebesgeschichten, die sich durch meine Bücher
ziehen. Während es in Liebesromanen um das Werben geht, handeln meine Bücher
vom Heiraten. Natürlich ist es sehr interessant, was Menschen zusammenbringt.
Aber für mich ist viel interessanter, was Leute dazu bringt, 50 Jahre
zusammenzubleiben.
Einige Leser
mögen das Spekulative an meinen Büchern: die Theorien zu Zeitreisen und die
moralischen Schwierigkeiten, denen sich ein Zeitreisender ausgesetzt sieht.
Wenn man sich bewusst ist, was mit einem passiert - hat man dann die
Verpflichtung, die Sache zu stoppen? Wenn ja, könnte man das? Und was ist, wenn
nicht? Wie lebt man mit der "Bürde" des Wissens, wenn man keine Kraft
hat, den Ereignissen entgegenzuwirken? Und wenn du denkst, du könntest etwas
unternehmen, ist der Preis, den du dafür bezahlst, nicht zu hoch?
So ziemlich alle
Leute mögen die Helden meiner Bücher. Sie sagen, Figuren wie Jamie Fraser und
Claire Randall seien so realistisch, dass sie unbedingt wissen wollen, was
meinen Helden als nächstes passiert!
Eine meiner
liebsten Leserstimmen der letzten Wochen kam von einer jungen Frau aus Sachsen.
Sie schrieb: "Mein Onkel, der alle ihre Bücher zwei Mal gelesen hat, meinte:
"Die Geschichten sind verrückt, unrealistisch, abgedreht und abstrakt.
Aber warum sind sie bloß so kurz?""
Wie
kamen Sie, eine Amerikanerin aus Arizona, auf die Idee, ausgerechnet das
schottische Hochland als Schauplatz Ihres Abenteuerromans auszuwählen?
Nun, das hat mit
der Frage zu tun, wie ich - als erfolgreiche Wissenschaftlerin - auf den
Gedanken gekommen bin, einen Abenteuerroman zu schreiben. Eigentlich war das
alles eher Zufall. Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden und sah das
als meine Bestimmung an. Ich komme allerdings aus einer sehr konservativen
Familie und bekam ständig Sprüche zu hören wie: "Bei deiner schlechten
Menschenkenntnis wirst du eines Tages einen Herumtreiber heiraten. Sorge dafür,
dass du eine gute Ausbildung bekommst, damit du später deine Kinder
unterstützen kannst!" Ich habe dann aber einen sehr netten Mann geheiratet, wir
sind mittlerweile seit 32 Jahren zusammen und haben drei wundervolle Kinder,
die jetzt selber schon erwachsen sind.
Wie dem auch sei,
vor diesem familiären Hintergrund hielt ich es für besser, nicht über meine
geplante Schriftstellerkarriere zu sprechen, denn eine solche Laufbahn ist ja
ganz und gar nicht sicher und vorhersehbar. Außerdem wusste ich auch gar nicht,
wie ich das Roman schreiben anpacken sollte. Als ich dann aber so Mitte 30 war,
dachte ich mir: Wenn du Romane schreiben willst, solltest du s jetzt versuchen
und nicht warten, bis du in den Ruhestand gehst. Hätte sich erst dann herausgestellt,
dass ich gut bin, hätte ich schließlich eine Menge Zeit verloren!
Bis dahin hatte
ich schon alles Mögliche geschrieben: Textbücher, wissenschaftliche Beiträge,
Artikel für Nachschlagewerke, Softwarerezensionen und Beiträge für
Computerzeitschriften, Lehrmaterialien, Stipendienanträge, Jahresberichte - und
Walt-Disney-Comics. Wie man das macht, hatte mir nie jemand gesagt; ich hatte
einfach einige Beispiele gelesen und dann drauflosgeschrieben. Also war das
offensichtlich auch der beste Weg, um zu lernen, wie man einen Roman schreibt -
man muss ihn einfach schreiben.
Meine Mutter
brachte mir das Lesen bei, als ich drei war, und seitdem verschlang ich alles,
was mir unter die Finger kam - über Romane wusste ich so gut Bescheid, dass ich
selbst einen schreiben konnte.
Ich beschloss
also, versuchsweise einen Roman zu schreiben, um zu sehen, wie man das macht
und wie viel Disziplin und Fleiß man dazu bracht. Danach wollte ich
entscheiden, ob es wirklich das war, was ich wollte, und gegebenenfalls ein
kommerziell funktionierendes Thema wählen und einen "echten" Roman schreiben,
der dann natürlich auch veröffentlicht werden sollte.
Nun, als
Übungsobjekt wählte ich "Feuer und Stein", doch das Ganze ist etwas aus dem
Ruder gelaufen Zu Beginn aber war
es nur ein Übungsstück. Ich sagte mir: "Welche Art von Roman kann man am
leichtesten schreiben? Es ist ja zum Üben, da macht s keinen Sinn, was
Schwieriges auszuwählen." Und ich kam zu dem Schluss, dass für mich ein
historischer Roman am einfachsten zu schreiben sei. Bei Historienromanen gibt s
ja keine thematischen Einschränkungen; man kann über alles schreiben, solange
man ein lebendiges, überzeugendes und glaubwürdiges Setting hat, das die
Vergangenheit lebendig werden lässt.
Nun, das wiederum
hängt von lebendigen, überzeugenden und glaubwürdigen Details ab - und die
bekommt man offensichtlich durch Recherchen. Okay, ich hatte eine
Forschungsprofessur (an der Universität hatte ich mich auf wissenschaftliche
Berechnungen spezialisiert, aber das war Zufall, denn eigentlich hatte ich
Biologie, Meeresbiologie und Ökologie studiert), und ich wusste, wie man mit
einer Bibliothek umgeht. Ich sagte mir also, dass es einfacher ist, Sachen
nachzuschlagen als sie sich auszudenken, und falls ich keine Fantasie haben
sollte, dann könnte ich mir ja immer noch alles Notwendige aus historischen
Berichten zusammenklauen.
Die nächste Frage
war logischerweise die nach der Zeit und dem Ort für das Buch. Da ich mich in
Geschichte nicht sonderlich auskannte und sowieso alles würde nachschlagen
müssen, war das eigentlich ziemlich egal. Zufällig sah ich dann die
Wiederholung einer Folge von "Dr. Who" im Fernsehen. Da ich nicht weiß, ob man
die Serie in Deutschland auch kennt, erzähle ich kurz davon: "Dr. Who"
ist ein Lord vom Planeten Gallifrey, der durch Zeit und Raum reist und
zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat. Auf seinem Weg wird er von Gefährten aus
unterschiedlichen Epochen der Erdgeschichte begleitet, die je nach
Zeitabschnitt unterschiedlich sind. In dieser ziemlich alten Folge, die ich
zufälligerweise sah (die Sendung läuft seit 30 Jahren in England), hatte der
Doktor einen 17- oder 18-jährigen jungen Mann aus dem Schottland des Jahres
1745 dabei - im Kilt. Als ich das sah, dachte ich bei mir: "Oh, das ist ja ganz
reizend!". Ich überlegte bis zum nächsten Tag und sagte mir: "Nun, du willst
ein Buch schreiben. Es ist ziemlich egal, welche Zeit du dir raussuchst -
wichtig ist allein, dass du dir eine
Zeit und einen Ort aussuchst und endlich anfängst. Also dann eben Schottland,
achtzehntes Jahrhundert."
Und da sind wir
nun. Bis zum dritten Schreibtag handelte es sich um einen ziemlich geradlinig
erzählten historischen Roman. Bis dahin hatte ich genug recherchiert, um den
Jakobiten-Aufstand von 1745 als historischen Hintergrund für die Geschichte
auszuwählen. Ich wusste, dass es dabei vor allem um den Konflikt zwischen
Schotten und Engländern ging, aber sagte mir: "Okay, wegen des Kiltfaktors brauche ich eine Menge
Schotten - aber ich glaube, ich sollte auch eine weibliche Figur als
Gegengewicht schaffen. Dann bekomme ich einen sexuellen Konflikt mit hinein,
das wäre gut. Und da es um Schotten und Engländer geht, bekommen wir jede Menge
Konflikte, wenn ich eine englische Frau einführe."
Ich führte also
diese Engländerin ein, ohne eine Idee zu haben, wer sie war, wie sie in die
ganze Geschichte hineinkam oder was sie dort tat. (Ich schreibe übrigens nicht
am Stück, sondern in kleinen Abschnitten, die ich später dann zusammenklebe.)
Und so setzte ich diese Frau in ein kleines Landhaus voller Schotten, um zu
sehen, was sie tun würde. Sie ging hinein, und alle drehten sich um und
starrten sie an. Einer erhob sich langsam und sagte: "Ich bin Dougal MacKenzie.
Und wer bitteschön sind Sie?" Worauf sie (ohne jede Hilfe meinerseits)
antwortete: "Ich bin Claire Elizabeth Beauchamp. Und wer zum Teufel sind Sie?"
Ich hielt inne und sagte: "Du hörst dich ganz und gar nicht wie eine Frau aus
dem 18. Jahrhundert an." Zwei oder drei Seiten lang kämpfte ich mit ihr, um sie
zurechtzustutzen und sie wie eine historische Person sprechen zu lassen. Aber
sie wollte partout nicht "historisch" werden, sondern machte ständig ziemlich
freche, moderne Bemerkungen und fing schließlich sogar an, die Geschichte
selbst zu erzählen. "Nun gut", sagte ich mir, "da das Buch sowieso niemand je
zu Gesicht bekommen wird, ist es ziemlich egal, was für bizarre Sachen ich dir
andichte. Sei also modern, und ich werde mir später überlegen, wie du dort
hingekommen bist." Es ist also ihre Schuld, dass es in diesen Büchern
Zeitreisen gibt.
Hätten
Sie erwartet, dass Ihre Romanreihe um die Heldin Claire Randall und ihren
Liebsten James Fraser so viele Leser in ihren Bann ziehen würde?
Nie im Leben!
Schließlich habe ich nicht damit gerechnet, dass überhaupt irgend jemand das
Buch je lesen geschweige denn veröffentlichen würde - und schon gar nicht
damit, dass Millionen Menschen in der ganzen Welt es lesen würden. Aber ich bin
natürlich froh, dass es so gekommen ist.
Sie
müssen sehr umfangreich recherchiert haben. Wie lange dauerten Ihre Vorarbeiten
zu diesem ersten Band?
Ich habe
überhaupt keine Vorarbeiten gebraucht. Ich wollte lernen, wie man einen Roman
schreibt, und nicht alles über Schottland im 18. Jahrhundert wissen. Daher
beschloss ich, sofort mit dem Schreiben anzufangen und parallel zu
recherchieren. Wenn ich etwas schrieb, das sich hinterher als falsch
herausstellen sollte, könnte ich es einfach korrigieren. Wenn ich aber zuerst
Jahre mit Recherchen verbrachte, käme ich damit meinem Ziel keinen Schritt näher.
Also begann ich mit
dem Schreiben und betrieb parallel dazu meine Recherchen. Ich arbeite übrigens
immer noch so; Schreiben und Recherchieren befruchten und stimulieren sich in
der Regel gegenseitig. Und da ich nicht am Stück schreibe, sondern in Einzelteilen
und Bruchstücken, muss ich auch nicht immer alles wissen, um an einer Szene zu
arbeiten. Wenn ich zu irgendeinem Ort etwas Spezielles wissen muss, ist es
ziemlich einfach für mich, an diese Information heranzukommen. Ich habe nicht
nur Zugang zu einer guten Universitätsbibliothek, sondern mittlerweile eine
ziemlich umfangreiche persönliche Bibliothek zusammengetragen. Sie enthält
Bücher über die Geschichte Schottlands, den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
und Dutzende Werke über Heilpflanzen, die gälische Kultur oder alle möglichen
anderen Dinge, die einem sonst so einfallen könnten.