Vergiss kein einziges Wort

Roman

Dörthe Binkert

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Ein mitreißendes und lebendiges Epos über Familie und Liebe, Heimat und Identität, Krieg und Frieden

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    Michael S., 06.11.2018

    Bücher über diese Epoche - die beiden grossen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen - gibt es viele. Die historischen Eckdaten sind bekannt. Was Dörthe Binkert jedoch eindrücklich gelingt: geschichtliche Daten und Fakten mit Leben, mit Emotionen, mit Einzelschicksalen zu füllen - erst dadurch werden die Abläufe auf menschlicher Ebene richtig nachfühlbar, erlebbar, greifbar.

    Wer sich auf die hier erzählte Geschichte Oberschlesiens einlässt, dem werden die Personen und Orte schon nach den ersten Seiten vertraut. Im Lauf der Geschichte wurden sie zu lieben Bekannten. Dörthe Binkert erweckt eine versunkene Welt zum Leben. Man merkt ihrer Erzählung die gründlichen Recherchen im Gleiwitzer Archiv an. Am Ende, nach gut 600 Seiten und einem halben Jahrhundert, vermisse ich die Menschen aus Gleiwitz. Ich habe mit ihnen gefühlt, gelitten, gehofft.

    600 Seiten - das ist viel. Doch die Autorin gibt die die Zügel nie aus der Hand. Die Einzelschicksale und Handlungsstränge, die durch Orte und Zeitgeschehnisse miteinander verknüpft sind, entwickeln einen unterschwelligen Sog, der nicht mehr nachlässt. Da beweist die Autorin einen langen Atem. Und das Buch wird zum "page turner".

    Den Schreibstil finde ich aufs Angenehmste "gut lesbar" - emotional, einfühlsam, warmherzig werden die Menschen und ihr Alltag gezeichnet, mit feinem psychologischen Gespür, doch nie "verkopft", dafür mit starker Verwurzelung in ihren Alltagssorgen, Wünschen und Hoffnungen. Und oft mit einer Wendung am Ende eines Absatzes, der dem eben Gesagten noch "einen mitgibt", es emotional auflädt. Da klingen die Worte noch länger nach.

    Nach dem Ende des zweiten grossen Kriegs, als die Russen schon weitergezogen sind Richtung Berlin, ebbt die extreme Spannung natürlicherweise ab. Dieser kurze Zeitraum 1945-46 wird sehr ausführlich beschrieben. Das Warten, die Ungewissheit, was wird. Da kam kurz der Eindruck auf: OK, jetzt wiederholt sich einiges über die Seiten. Aber im Nachhinein fühlte es sich doch richtig an - so muss es gewesen sein: die grosse Anspannung lässt nach, gleichzeitig sind die Menschen gefangen in einer Zwischenzeit, in einem Niemandsland, das Gestern ist vorbei, das Morgen noch nicht da. Zeitenwende. Von Tag zu Tag überleben, mehr ging nicht.

    Die unfassbaren Grausamkeiten - sie werden meist eher implizit beschrieben. Die direkteste Szene in dieser Hinsicht ist wohl Aron Sperbers Erinnerung, wie er seine Familie ermordet auffindet. Ansonsten gibt es die geschichtlichen Fakten, die zur Orientierung immer wieder eingestreut werden, und natürlich die Gefühle und Gedanken der Protagonistinnen, die die Greuel reflektieren oder auch verdrängen. Ich finde das sehr passend so - es muss nicht jede Bluttat explizit bebildert werden. Die Zeittafel am Ende des Buchs ist mit ihrer akribischen Aufzählung der Ereignisse, die in die Katastrophe führten, erschütternd genug.

    Als die Mitglieder der Familie Strebel eine nach der anderen Gleiwitz verlassen, den Blicken der Leser entschwinden, stellt sich zunächst eine leise Enttäuschung ein - so gern wüsste man, wie es mit ihnen weitergeht. Aber im weiteren Verlauf fühlt sich das schon richtig an - die deutschstämmigen Schlesier verlieren ihre Heimat, aber wir Leser bleiben in Gleiwitz, denn es geht um Oberschlesien.

    Also geht es weiter mit denen, die noch da sind und jenen, die neu dazu gekommen sind. Von den Strebels hören wir nur noch sporadisch aus ihren Briefen. Aber dafür kommt mit Aron Sperber eine neue Welt aus Lemberg dazu - eine Bereicherung, die dem Roman eine zusätzliche Dimension verleiht. Danach würde man gerne mehr von Lemberg lesen - wie war das Leben dort, der Übergang von der Habsburger Monarchie in die polnische Republik bis zur grossen Katastrophe. Stoff für ein weiteres Buch?

    Wer sich für diese prägenden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und die Menschen darin interessiert, wird dieses Buch mit viel Gewinn lesen. Dörthe Binkert schafft es bravourös, Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Es ist ein Buch, das die Leser mitnimmt, in mehrfacher Hinsicht. Ein starkes Stück zeitgeschichtlicher Literatur.

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    janein

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