Zerrissene Leben (eBook / ePub)

Das Jahrhundert unserer Mütter und Väter

Konrad Jarausch

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Konrad Jarausch schreibt eine neue deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: im Spiegel der Lebensgeschichten von über 80 Zeitzeugen. Geboren während der Weimarer Republik, hat diese Generation den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg...

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  • 4 Sterne

    EMZ, 15.10.2018

    Als Buch bewertet

    Konrad Jarausch, Professor für European Civilisation an der Universität North Carolina und Deutsch-Amerikaner, hat mit "Zerrissene Leben. Das Jahrhundert unserer Mütter und Väter" ein eher ungewöhnliches Geschichtsbuch gegen das Vergessen vorgelegt, das die Schnittstellen "normaler" Menschen mit der "großen Geschichte" beschreibt, und so etwas wie eine "kollektive Biografie" der in der Weimarer Zeit Geborenen darstellt.

    Beschreibung: das Buch ist 455 Seiten dick und enthält, neben 9 Kapiteln plus Fazit des Autors, noch einen umfangreichen Anhang, in dem die 17 Hauptprotagonisten und weitere 65 Neben- und Randfiguren, aus deren Lebenserinnerungen zitiert wurde, vorgestellt sind. Dazu gibt es in jedem Kapitel Fotografien, die das Erzählte gut illustrieren.
    Der Aufbau des Buches ist chronologisch, wobei der Autor eine Erklärung über seine Herangehensweise und Intention voranstellt. Die Erzählung wird fortlaufend von den Originalzitaten aus den Zeitzeugenberichten untermauert, was ein häufiges Blättern zum Personenverzeichnis sinnvoll macht.
    Die Sprache von Jarausch ist dabei an die Zielgruppe all derer angepasst, die sich für Geschichte interessieren und, vielleicht mangels Biografien in der eigenen Familie, Lust auf Zeitzeugenberichte haben. Er kann sehr verständlich und gut lesbar formulieren, durch die ständig eingestreuten Zitate ist das Buch lebendig, und das "trockene", oft ernste Thema dennoch locker zu lesen.

    Mein Eindruck: der Autor beschreibt im Nachwort, dass ihnen eine Leser-Kritik (zu seinem Werk über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts "Out of ashes") dazu gebracht hat, eine Geschichte aus dem, "was man wirklich auf den Straßen dieser deutschen Städte erleben würde" zu schreiben.
    Seine Kernfrage dabei ist: "Wie haben die ganz normalen Deutschen das 20.Jh. "erlebt", "erlitten" und vor allem auch "verarbeitet"? Entspricht die offizielle deutsche Erinnerungskultur der der Zeitzeugen, sind Alle Opfer, oder gibt es doch Unterschiede, die in der Erinnerung nicht verwischt werden dürfen?
    Die Herangehensweise und die Absichten des Autos gefallen mir gut, er wird nicht müde zu betonen, dass so eine "kollektive Biografie" auf immer subjektiv-selektiven, tendenziösen, rechtfertigenden und möglicherweise durch die Erinnerung verzerrten Berichten beruht, die aber durch die Vielfalt der ausgewählten Zeitzeugen und die hohe Menge an Berichten auf ihren Wahrheitsgehalt abgeglichen und in spürbar kritischer Distanz wiedergegeben wurden.
    Deutlicher Schwerpunkt des Jahrhunderts ist dabei die Nazizeit, weil sie bis heute Auswirkung auf unsere Gesellschaft hat und die befragten Zeitzeugen in besonderer Weise geprägt hat. Jarausch berücksichtigt dabei auch den Unterschied in der Entwicklung der beiden deutschen Staaten, und beschreibt streckenweise, angesichts der Zeiten meines Erachtens sehr zurecht, die gesellschaftsspezifisch unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen und Männern, vor allem im Krieg. Es gelingt ihm dabei gut, einen stimmigen Gesamtbericht über den Verlauf des Jahrhunderts zu geben, und die "große Geschichte" auf das herunterzubrechen, was normale Menschen darin erleben. Und das auch einem Laien gut vorstellbar zu machen.

    Kritik: Ein bisschen war ich insgesamt enttäuscht, dass ich nicht wirklich das Gefühl hatte, viele neue Aspekte kennengelernt zu haben. Das mag aber der Tatsache geschuldet sein, dass ich mich schon mehrfach mit dem Jahrhundert beschäftigt habe, und auch noch Gelegenheit hatte, selbst mit Zeitzeugen zu kommunizieren.
    Auch ist das Buch so bemüht, eine breite Palette an Zeitzeugen zu befragen (Opfer, Täter, Mitläufer, Prominente wie einfache Arbeiter etc.), dass es mir schwer fiel, mich mit einzelnen Personen so zu identifizieren, dass ich emotional besonders berührt wurde. Das liegt wiederum wahrscheinlich an der schieren Vielzahl der Protagonisten, die in ständigem Wechsel zitiert werden, so dass man kaum eine Gesamtsicht über einzelne Lebensverläufe bekommt. Zumindest musste ich bis fast zum Schluss immer wieder zum Personenregister blättern, um keine Lebensberichte durcheinander zu werfen.
    Vielleicht wäre über das Herausheben von typischen Verläufen (1Täter, 1Opfer, 1Mitläufer genauer) hier nicht nur der leichtere Zugang für die Leser, sondern auch eine vertiefte Sicht der jeweiligen Biografien möglich gewesen.
    Für mich blieb es ein wenig zu sehr bei der "Übersicht", ich hätte mir eine genauere Darstellung ganz persönlicher Einzelheiten und Gedankengänge gewünscht, gerade auch bei der nachträglichen Auseinandersetzung mit der Frage der Schuld. So erfährt man zum Beispiel, dass Einzelprotagonisten sich therapeutisch behandeln ließen, aber leider nicht, was genau diesen Wunsch ausgelöst hatte oder wie sie ihre Therapieerlebnisse in Hinblick auf das weitere Leben beurteilten, solche Sachen. Der besondere Blick der Generation auf die Geschichte und auf die Rolle des Menschen darin wird vom Autor zwar mehrfach erwähnt, aber m.E. nicht vertieft erörtert. Damit wurde leider die Chance vertan, wirklich ungewöhnlich, aus dem subjektiven Alltagsleben heraus, die Relevanz von Geschichte für den Leser "erfahrbar" zu machen.

    Fazit: Es bleibt eine gute, für Laien und nachfahrende Generationen glänzend verständliche und "unterhaltsame" Zusammenfassung der Geschichte eines besonderen Jahrhunderts.
    M.E. wichtig und gut ist Jarauschs Unterscheidung der Geschichten der BRD und der DDR, die wichtige Grundlage zum Verständnis der unterschiedlichen Sozialisationen, und damit auch aktueller Entwicklungen im Osten sowie möglicher Versäumnisse Westdeutschlands im Rahmen der Wiedervereinigung ist.
    Ein wenig leidet das Buch am Zuviel an Protagonisten, die kurzen Zitate aus den Lebensberichten verhindern leider eine vertiefte Auseinandersetzung mit einzelnen Biografien, und der Autor kommt auch nicht ohne Wiederholungen aus.
    Bezugnehmend auf die eingangs erwähnte Kernfrage des Buches ist die Darstellung des Punktes "Verarbeitung" etwas kurz und oberflächlich geraten, manchmal hätte ich mir gewünscht, dass der Autor noch mehr kommentiert. Die wiederholte Aussage, dass sich "zuviel ausgeschwiegen" und teilweise "als Opfer inszeniert" wird, ist zwar wichtig, aber alleine unbefriedigend.

    Dennoch kann das Buch vielleicht Menschen erreichen, die sich sonst mit historischen Büchern schwertun. Langweilig fand ich das Geschriebene in keiner Sekunde. Und zu einer guten, kritischen Erinnerungskultur für die Gegenwart trägt es in jedem Fall positiv bei.

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    janein

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