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75 Jahre nach Kriegsende - eine Bücherschau

Im Schatten des Zweiten Weltkrieges: Noch heute leiden viele Kinder der Kriegskinder unter Traumata, die auf die Erlebnisse ihrer Eltern im Zweiten Weltkrieg zurückgehen. Bild aus: "Wir Kinder der Kriegskinder", Weltbild

Das schier aussichtslose Elend einer ganzen Generation

Am 8. Mai 2020 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zum 75. Mal. Bevor die Deutsche Wehrmacht endgültig kapitulierte, tobte der Krieg in den Wochen und Monaten davor noch einmal in seiner ganzen unerbittlichen Härte.

Vor allem die mitteldeutschen Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hatten unter den letzten Kriegstagen extrem zu leiden. Zehntausende Zivilisten und Soldaten verloren im Bombenhagel, bei blutigen Kämpfen und grausamen Kriegsverbrechen ihr Leben. Auch für sehr viele KZ-Häftlinge kam die Befreiung durch die Alliierten zu spät. Auf sogenannten „Todesmärschen“ wurden sie von der SS in den Tod getrieben.

Facetten eines weltumspannenden Krieges

Zum Gedenkjahr „75 Jahre Kriegsende“ sind zahlreiche Bücher erschienen, die die Geschehnisse rund um den Zweiten Weltkrieg in Erinnerung rufen. Sie beleuchten die vielen Facetten dieses weltumspannenden Kriegs sowie der entbehrungsreichen Jahre danach.

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte
Seelische Trümmer
Kriegsende in Deutschland
Inges Krieg

1945: die Welt in Trümmern - Unterschiedliche Sichtweisen auf die Kriegsgeschehnisse kommen in den neuen Büchern genauso zu Wort wie persönliche Schicksale und neue gesellschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Nachkriegsgeneration.

1945: Eine Welt in Trümmern

Städte und Dörfer lagen bei Kriegsende in Schutt und Asche. Zurück blieben Abertausende Kriegsversehrte, Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge. Der tägliche Überlebenskampf in der Zeit nach dem Kriegsende gestaltete sich für den Großteil der Bevölkerung ähnlich schlimm wie die Zeit während des Kriegs selbst. Ein Bild des Grauens bot sich nicht nur in Deutschland. Die düsteren Schatten als Nachwehen des Zweiten Weltkriegs lagen auch über Europa und weiten Teilen der Welt. Wohin man auch blickte: Überall waren Hunger und unermessliches, menschliches Leid allgegenwärtig. Wie Frauen, Männer und Kinder diese Zeit erlebten, untersuchen neue Bücher:

Dresden wird im Februar 1945 von den Alliierten bombardiert. Über 25.000 Menschen finden dabei den Tod. Anhand von Aufzeichnungen aus dieser Zeit schildert der britische Autor Sinclair McKay die drei Tage und Nächte der Bombardierung Dresdens aus der Perspektive von Überlebenden.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für viele den Anfang von Flucht und Vertreibung. In diesem Buch berichten Historiker und Zeitzeugen von den letzten Kriegsmonaten und militärischen Operationen ebenso wie vom Kriegsende im öffentlichen und privaten Gedächtnis.

Schwierige Lebensgeschichten zweier Generationen: Die Kinder der Kriegskinder litten häufig unter emotionaler Kälte ihrer Eltern, die selbst im Schatten des Krieges aufgewachsen waren und den erlebten Schrecken oft einfach nur verdrängten, statt ihn zu bewältigen

Buchtipp: "Wir Kinder der Kriegskinder" - Hintergründe für eine gefühlsarme Eltern-Kind-Beziehung

Wie es ist, als Kind sogenannter Kriegskinder aufzuwachsen? Mit der Generation, die im Schatten des Zweiten Weltkriegs aufwuchs, setzt sich die Journalistin Anne-Ev Ustorf als ebenfalls Betroffene in ihrem dokumentarischen Buch „**Wir Kinder der Kriegskinder“auseinander. Die Autorin schenkt damit – als eine von wenigen – der zwischen 1955 und 1975 geborenen Generation** aufmerksames Gehör. Denn wie es den Kindern der Kriegskinder ergangen ist, wurde bis zum Erscheinen dieses wichtigen Werkes kaum hinterfragt, geschweige denn öffentlich diskutiert.

Herausgekommen sind ebenso berührende wie mitunter bedrückende Erfahrungsberichte. Persönliche Geschichten, die zeigen, wie sich die Traumata der Eltern auf das eigene Leben ausgewirkt haben. Von außen betrachtet, erfuhren die Kinder der Kriegskinder ein gut behütetes Leben. Sie wuchsen in materiellem Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit auf. Auch für politische Sicherheit war gesorgt. Im kompletten Gegensatz dazu stand jedoch die emotionale Distanziertheit der Eltern. Ein Umstand, der für Kinder nicht nachvollziehbar ist.

„Dieses Buch hat das Potenzial, Familienbeziehungen zum Positiven zu verändern. Denn Verständnis ist die Voraussetzung für Versöhnung.“

(Ursula Nuber, Psychologie heute)

Das Leben der Kriegskinder in ungewissen Zeiten

Viele Familien wurden vertrieben und mussten flüchten. Für Kriegskinder war das Leben geprägt von Unsicherheit und Angst. Zahlreiche Kinder haben einen oder sogar beide Elternteile im Krieg verloren. Nicht wenige von ihnen wurden Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Gefühle mussten unterdrückt werden. Entweder, weil es niemanden mehr gab, dem sie sich anvertrauen konnte oder einfach nur, um das eigene Leben zu schützen.

Verdrängung als Überlebensstrategie

Nicht allen Familien im Nachkriegsdeutschland ist es gelungen, die traumatischen Bomben- und Kriegserlebnisse der Kindheit zu bewältigen. Schweigen und Verdrängung waren die Auswege, um über die erlebten Kriegs- und Nachkriegserfahrungen irgendwie hinwegzukommen. Eine Überlebensstrategie, in der Angst, Wut oder Trauer keinen Platz hatten.

Die Kinder der Kriegskinder als Erben der elterlichen Kriegstraumata

Der gut gemeinte Wunsch der Kriegskinder, dass es ihre Kinder „einmal besser haben sollen“, machte die Last des elterlichen Erbes nicht leichter. Trotz eines Lebens in relativem Wohlstand wurde ihre Kindheit von emotionaler Unsicherheit, Schuldgefühlen, eingeimpfter Sparsamkeit und Verlustängsten begleitet.

Die heute 65- bis 45-Jährigen schildern in Ustorfs Buch die Erlebnisse ihrer Kindheit offen und unverblümt. Einige Betroffene berichten etwa davon, dass sie die Kriegsvergangenheit ihrer Eltern nur schwer von ihrem eigenen Leben trennen konnten. So als lebten sie in zwei Welten. Andere wiederum erzählen vom kompletten Gegenteil – dem völligen Schweigen ihrer Eltern.

Ob zu viel oder zu wenig über die Vergangenheit der Kriegskinder gesprochen wurde: Viele Kinder suchten die Schuld für die Bedrücktheit und Distanziertheit ihrer Eltern bei sich selbst. Erst mit Hilfe therapeutischer Gespräche und Sitzungen haben die Kinder der Kriegskinder gelernt, die vernunftgeprägte Handlungsweise und vermeintliche Gefühlsarmut ihrer Eltern zu verstehen und zu akzeptieren.

Historische Bücher bei Weltbild entdecken

Die Weltbild-Bücherschau zum Zweiten Weltkrieg

Eine transparente Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit ist eine Thematik, mit der man sich in Deutschland bis heute etwas schwer tut. Auch die Frage, ob der Tag des offiziellen Kriegsendes zum bundesweiten Feiertag erklärt werden soll, flammt immer wieder neu auf. Jedoch ohne dabei einen gemeinsamen Konsens finden zu können.

In unserer Bücherschau kommen unterschiedliche Sichtweisen auf die Kriegsgeschehnisse ebenso zu Wort wie persönliche Schicksale und neue gesellschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Nachkriegsgeneration.

Auseinanderetzung mit den Gräueltaten des Holocausts

Basierend auf einer wahren Geschichte, wird in diesem Buch der Überlebenskampf des Juden Gustav Kleinmann und seines 16-jährigen Sohnes im KZ Auschwitz geschildert. Berüchtigt dafür, dass aus Auschwitz niemand zurückkehrt, haben es Vater und Sohn dennoch geschafft, die Hölle auf Erden zu überleben.

Der niederländische Schriftsteller Bart van Es erzählt in berührender Art und Weise vom Geheimnis seiner Familie während des Zweiten Weltkriegs. 1942 versteckten seine Großeltern ein ihnen völlig fremdes jüdisches Mädchen vor den Nazis..

Flucht und Vertreibung

Noch mehr Fakten und Geschichten rund um Flucht und Vertreibung sowie zu den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs können Sie in diesen Ausgaben nachlesen:

Ab 1944 wurden in Ostpreußen über 20.000 deutsche Kinder für immer von ihren Familien getrennt. Verloren und verlassen zogen sie, gleich Wölfen, durch die Wälder Litauens und kämpften um ihr Leben sowie gegen Hunger und Angst.

Menschen, die in den 1950- und 1960er-Jahren geboren sind, tragen häufig eine kollektiv anmutende seelische Verletzung in sich, die durch die besondere Bindungs- und Erziehungserfahrung der Nachkriegszeit begründet ist. Über die Hintergründe und die Bewältigung der seelischen Verletzungen berichtet Bettina Alberti

Zweiter Weltkrieg - Soldaten- und Kriegsschicksale

Dieser erstmals 1955 erschienene Roman von Josef Martin Bauer erzählt die Geschichte eines deutschen Wehrmachtssoldaten, der aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft flieht.

Diese Auswahl von Briefen, die deutsche Wehrmachtssoldaten während der Kriegsjahre an ihre Familien und Verwandten geschrieben haben, tragen ebenso zum Verständnis des Zweiten Weltkriegs bei wie zum Verstehen der Mentalität der Soldaten.

Dreizehn Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg schildern schonungslos und ehrlich ihre Erlebnisse während des Kriegs. Der Autor Christian Hardinghaus ermöglicht damit eine besonders differenzierte Betrachtung auf das Leben und die Gefühlsverfassung von Soldaten im Zweiten Weltkrieg.