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Mach’s wie die Möwe – scheiß drauf

Warum wir öfter unverblümt unsere Meinung sagen sollten. Autorin Lea Blumenthal im Interview

Fotos: © Verena Braun, Lichtzeichnerei

Raus aus der Harmonie-Falle! Dieser humorvolle Ratgeber gibt Hilfestellung

Fällt es Ihnen schwer, Nein zu sagen? Gehen Sie Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten großräumig aus dem Weg? Meiden Krawallbürsten und Krachmacher wo es nur geht, und wollen einfach in Ruhe und Harmonie leben? Dann haben Sie es sicher auch schon erlebt: Konflikte gehen leider nicht von alleine weg, nur weil man sie meidet.
Autorin Lea Blumenthal ist ein Paradebeispiel für Harmoniesucht. Wenn die dauernörgelnde Nachbarin sie wegen ihrer dreckigen Laufschuhe im Treppenhaus zur Minna macht, lässt sie die Schuhe schnell in der Wohnung verschwinden. Aber auch bei Diskussionen mit ihrem Freund Boris oder ihrer Familie steckt sie lieber zurück und manövriert sich so in Situationen, in die sie nie kommen wollte. Wie wöchentliches Joggen an der Alster beispielsweise. Nur weil sie es nicht über sich bringt, ihrer motivierten Freundin Tina zu gestehen, wie abgrundtief sie Joggen in Wahrheit hasst.

In "Mach’s wie die Möwe – scheiß drauf" nimmt uns Lea Blumenthal mit auf die Reise zu sich selbst bzw. zu einem neuen selbstbewussten Ich, das nach und nach lernt, wie es Harmoniefallen vermeidet. Denn Harmonie ist toll, aber nicht um jeden Preis. Im Interview erklärt sie unter anderem, wie man trainieren kann, konfliktfähiger zu werden:

Fotos: © Verena Braun, Lichtzeichnerei

Warum wir öfter unverblümt unsere Meinung sagen sollten. Autorin Lea Blumenthal im Interview

Woran liegt es eigentlich, dass manche Menschen unverblümt sagen, was sie denken (auch wenn sie mehr Meinung als Ahnung haben) und andere Konfrontationen lieber aus dem Weg gehen?

Lea Blumenthal: Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen, beispielsweise unserer Erziehung und Sozialisation. Haben wir in der Vergangenheit erfahren, dass Konflikte gelöst werden können und ein Gewitter die Luft reinigt, stehen wir Konfrontationen offener gegenüber, als wenn Probleme unter den Teppich gekehrt wurden oder ein Streit stets mit einer emotionalen Katastrophe einherging.
Aber auch unser Selbstwert hat Einfluss auf das Harmoniebedürfnis. Wer sich nur dann geliebt fühlt, wenn er in Harmonie mit anderen lebt, wird jedem Konflikt großräumig aus dem Weg gehen und sich bzw. seine Meinung immer wieder selbst verleugnen.

Warum ist das Bedürfnis nach Harmonie ein Problem? Bzw. warum sollten wir öfter unsere Meinung sagen?

Lea Blumenthal: In Harmonie leben zu wollen, ist ja an sich kein Problem – es wird dann kompliziert, wenn Harmonie um jeden Preis aufrechterhalten wird. Wer sich nicht traut zu sagen, was er denkt oder fühlt (das kann man auch lösungsorientiert und zugewandt, übrigens), wird über kurz oder lang die Unwahrheit sagen müssen. Und dann wird es richtig kompliziert, denn wie kommt man aus der Lüge wieder raus? Außerdem ist die kognitive Dissonanz schwer auszuhalten, also das Gefühl, zwischen zwei Überzeugungen aufgerieben zu werden:

Einerseits will ich keine Konflikte führen, andererseits möchte ich mich nicht ständig selbst verleugnen.

Es hilft ungemein, sich klarzumachen: Wenn ich versuche, Konflikte zu vermeiden, werden sie mich über kurz oder lang trotzdem einholen, und zwar in der Beziehung zu mir selbst.

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Kann man lernen / trainieren, konfliktfähiger zu werden und wenn ja, wie?

Lea Blumenthal: Das kann man tatsächlich. Ich habe beispielsweise mit kleinen Übungen angefangen wie: In ein Restaurant gehen, mich an einen Tisch setzen, die Karte aufschlagen – und dann dem Kellner, der die Bestellung aufnehmen möchte, sagen: „Tut mir leid, da ist heute nichts für mich dabei.“ Dann aufstehen und gehen. Das war am Anfang eine ungeheure Überwindung für mich. Total bescheuert, denn dem Kellner bin ich ja völlig egal, und selbst wenn er mich doof finden sollte, sollte es mich nicht kratzen. Ich kenne ihn ja nicht mal! Mittlerweile kann ich besser Nein sagen oder Konflikte aushalten – aber eine Krawallbürste bin ich noch lange nicht, und ich werde auch nie eine werden.

Mögen Sie kurz erklären, wer oder was die Ziege ist und warum ihr Bewegung in Konflikten hilft?

Lea Blumenthal: Ich habe für das Buch verschiedene Reaktionsmuster auf Angriffe, also Konfrontationen, recherchiert und mir dabei die drei Tiere Gorilla (Angriff), Hase (Flucht) und Ziege (Erstarren) ausgedacht, genauer gesagt die Myotonic Goat. Das ist eine Ziegenart aus den USA, die aufgrund einer genetischen Erkrankung erstarrt, wenn man sie erschreckt, und wie ein Stein zur Seite umkippt. Das fand ich sehr passend für das Reaktionsmuster, denn Menschen, die bei einem Angriff erstarren, sind meist auch zu keiner Regung mehr fähig. Körperliche Bewegung kann ihnen in so einer Situation helfen, die Schockstarre zu überwinden.

Welche Erkenntnis war für Sie augenöffnend als Sie an „der Möwe“ gearbeitet haben? Oder sind Sie in Wahrheit gar nicht harmoniesüchtig?

Lea Blumenthal: Oh doch, ich bin immer noch erschreckend harmoniesüchtig – oder eher: harmonieliebend! Allerdings schäme ich mich nicht mehr dafür, sondern habe mir bewusst gemacht, dass es auch sein Gutes hat, im Einklang mit Menschen leben zu wollen. Dafür ist es allerdings wichtig, dass ich ab und zu den Mund aufmache und auch mal etwas Unangenehmes sage. Das darf und kann ich ja bestmöglich und freundlich verpacken. Ich hatte viele Aha-Momente beim Schreiben, aber einer der größten war sicherlich:

Kein Mensch verurteilt mich, wenn ich nicht zu allem Ja und Amen sage. Im Gegenteil, ich werde sogar mehr respektiert.

Diese eine Sache habe ich mittlerweile wirklich verinnerlicht: Nur Nullen haben keine Ecken und Kanten!

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