vor einem Jahr

Ostsee für die Seele

Lena Johannson ist ein "waschechtes Nordlicht" und Spezialistin für stimmungsvolle Nord- und Ostsee-Romane. Als erste Halligschreiberin der Welt verbrachte sie ein Jahr auf der Hallig Hooge. Bekannt ist Lena Johannson auch für ihre sehr erfolgreichen historischen Romane wie die Elbchaussee-Saga. Foto: © André Leisner

Wie Karrierefrau Franziska auf Rügen zu sich selbst findet

Eine Auszeit von den Luxusproblemen ihrer Kunden wünscht sich Franziska, als sie nach Rügen kommt, um bei der Sanddorn-Ernte mitzuhelfen. Karrierefrau Franziska ist erfolgreicher Life-Coach für Geschäftsleute und Besserverdiener - doch eigentlich ist ihr die Freude an der Arbeit mit den verwöhnten Kunden längst abhanden gekommen. Und was ist eigentlich mit ihrem eigenen Leben? Warum nicht einfach mal einen Ortswechsel wagen, ab auf die Insel!

Genau dort, auf Rügen mit seinen zauberhaften kleinen Städtchen, herrlichen Stränden und Sanddorn-Plantagen, findet Franziska schließlich mehr als sie erwartet hat: Urlaub für die Seele, eine neue Perspektive, ein Geheimnis und - natürlich - einen charmanten Sanddornplantage-Besitzer. In insgesamt 3 Bänden (Sanddornsommer, Villa Sanddorn und Sanddorninsel) erzählt Autorin Lena Johannson von Franziskas Reise zu sich selbst, ihrer neuen Karriere auf Rügen und vielen neuen Herausforderungen.

Ob sie selbst schon einmal Sanddorn-Beeren geerntet hat und was Band Nummer 3, "Sanddorninsel", mit der Lebensgeschichte ihrer Mutter zu tun hat, verrät Lena Johannson im Interview:

Bei Weltbild erscheinen jetzt drei Ihrer Romane, die auf der Sanddorn-Insel Rügen spielen, im Set. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Sanddornplantage als Schauplatz zu wählen?

Lena Johannson: Im ersten Band der Reihe habe ich meine Hauptfigur von der Großstadt auf die Insel schicken wollen, weil sie ausgebrannt war. Sie wollte sich eine Auszeit gönnen, ihr Leben überdenken und vielleicht neu ordnen. Mir wurde schnell klar, dass der Ortswechsel allein zu wenig war. Was soll eine Frau tun, die üblicherweise Menschen aus Vorstandsetagen berät, um auf völlig neue Gedanken zu kommen? Sie sollte an die frische Luft, körperlich arbeiten, wieder Kontakt zur Natur bekommen. Wer im Spätsommer oder frühen Herbst auf Rügen die leuchtenden Beeren sieht, wird verstehen, warum ich mir diese Aufgabe für meine Heldin ausgesucht habe. Erst nachdem ich mir die Plantage für sie ausgedacht hatte, bin ich selbst zur Tat geschritten und habe mich an der Ernte versucht. Ich kann mich nur bei meiner Protagonistin entschuldigen, es ist echte Knochenarbeit! Glücklicherweise hat Franziska meist eher andere Aufgaben zu erfüllen, als direkt beim Schneiden und Sammeln zu helfen ;-)

Franziska Marold arbeitet als Lebenscoach auf Rügen – was macht sie als Typ aus und welche Entwicklung macht sie in den Romanen durch?

Lena Johannson: Franziska ist als Karrierefrau nach Rügen gekommen, die sich über ihre Erfolge zwar gefreut hat, die aber den Sinn in ihrer Tätigkeit verloren hat. Sie hat sich die typische Frage danach gestellt, ob das alles gewesen sein kann. Ich glaube, damit ist sie eine von unzähligen Frauen (und übrigens auch Männern), die einen beruflichen Durchmarsch hinlegen und dann feststellen, dass anderes auf der Strecke geblieben ist, bzw. dass das, was man sich mit aller Kraft erkämpft hat, einen gar nicht erfüllt.
Auf Rügen kommt Franziska zur Ruhe und findet letztlich zu sich selbst. Statt überspannte Erfolgsmenschen zu beraten, kümmert sie sich nun um Menschen, die in einer Krise stecken, denen ohne Hilfe eine gewisse Orientierung fehlt. Außerdem wird sie Mutter, was natürlich eine riesige Veränderung ist. Sie arbeitet weniger und bietet mit ihrem Konzept "Auszeit mit Einsicht" anderen das, was sie selbst auf der Sanddornplantage erlebt hat.

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In Band 3, "Die Sanddorninsel", quartieren sich die 80-jährige Ursula mit Tochter, Enkelin und Urenkelin in der Sanddorn-Villa ein. Welche Probleme haben die vier im Gepäck?

Lena Johannson: Dieser Band hat für mich vor allem ein besonderes Thema im Gepäck, denn es ist an die Geschichte meiner Mutter angelehnt. Sie hat als junges Mädchen einen Brieffreund gehabt, den sie endlich auch persönlich kennenlernen wollte, doch der Kontakt riss plötzlich ab. Die echten Umstände waren andere, als ich sie im Roman beschrieben habe, aber ich fand es reizvoll, die alte Dame auf Spurensuche zu schicken. Ich hatte den Eindruck, auch meine Mutter wüsste gern, was aus dem jungen Mann von damals geworden ist.
Meiner Roman-Ursula habe ich eine Familie zugemutet, die in einem schwierigen Beziehungsgeflecht feststeckt. Von der schnodderigen Urenkelin über die von Erfolg besessene Enkelin und etwas verhuschte Tochter bis zur resoluten 80-Jährigen selbst sind die vier sehr verschieden. Andererseits aber auch nicht. Sie alle hatten oder haben ein wenig Pech mit den Männern. Auch sonst haben sie mehr gemeinsam, als sie sich eingestehen wollen.
Ich glaube, viele kennen das: Man entdeckt an sich Eigenarten oder Verhaltensweisen der Mutter oder des Vaters, ärgert sich und rebelliert. Im Grunde könnte man stattdessen einander in die Arme fallen, weil man sich durch und durch versteht.
Noch ein Nachtrag zur Geschichte meiner Mutter: Es ist mir tatsächlich gelungen, den Brieffreund von damals ausfindig zu machen. Wofür gehört Recherche schließlich zu meinem Handwerk? Meine Mutter hat erfahren, was aus ihm geworden ist. Treffen werden die beiden sich aber nicht.

Steckt in Ihnen als Autorin auch eine Art Therapeutin, wenn Sie Figuren und Konflikte stricken?

Lena Johannson: Ganz bestimmt nicht! Das Schreiben ist bestenfalls eine Therapie für mich (haha). Nein, ich glaube, ich kann mir nicht anmaßen, jemandem Ratschläge zu geben oder ihn gar therapieren zu wollen. Schon gar nicht, da ich die Menschen nicht kenne, die es sich mit meinen Romanen auf dem Sofa oder Liegestuhl bequem machen. Meine Aufgabe als Autorin sehe ich darin, interessante Geschichten zu erzählen, die gründlich recherchiert sind. Außerdem versuche ich, mich in meine Figuren hineinzuversetzen. Romane leben von Konflikten. Wenn eine Leserin oder ein Leser eine Parallele zu seinem eigenen Leben schlagen kann, wenn ihm eine Szene oder nur ein einziger Satz dann hilft, seine Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen, ist das mehr als ich erhoffen darf. Natürlich freut es mich sehr, wenn meine Leserinnen und Leser sich nicht nur gut unterhalten fühlen, sondern darüber hinaus etwas mitnehmen. Aber ein therapeutischer Effekt kann nicht mein Anspruch sein.

Als ehemalige Reise-Journalistin haben Sie viel von der Welt gesehen – ist die Ostseeküste trotzdem ihr Lieblingsort?

Lena Johannson: Eindeutig: Jein! Ich liebe Schleswig-Holstein sehr, das platte Land, die Strände, Rapsfelder und Knick-Landschaften und nicht zuletzt die unaufgeregten, herzlichen Menschen. Zu meinem Heimat-Bundesland gehört aber auch die Nordseeküste mit ihren Deichen und dem einzigartigen Wattenmeer. Sie hat ihren eigenen Reiz. Zuletzt will ich nicht vergessen, dass die beiden Küsten natürlich weit in den Osten nach Mecklenburg-Vorpommern bzw. nach Niedersachsen hinein reichen. Langer Rede kurzer Sinn: Ich bin ein waschechtes Nordlicht, und mein Lieblingsort ist meine Heimat.

Sie waren die erste Halligschreiberin der Welt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Lena Johannson: Es gibt die Tradition eines Stadtschreibers. Das hat vor vielen Jahrzehnten bedeutet, ein Schriftsteller bekommt eine Wohnung oder gar ein Haus und ein hübsches festes Einkommen von einer Stadt, damit er sich dort ohne finanzielle Sorgen inspirieren lassen und bestenfalls auch etwas schreiben kann. Dieses Amt hat sich im Lauf der Zeit verändert. Heute gibt es sowohl Stadtschreiberinnen als auch z.B. Inselschreiber oder eben -schreiberinnen. Eine Halligschreiberin gab es nicht, was mich als große Freundin von Hooge sehr gewurmt hat. Also sprach ich den Bürgermeister an und wurde eingeladen. Nachdem er klargestellt hatte, dass ich für meine freie Unterkunft täglich vier Stunden Dienst im Gemeinde- und Tourismusbüro zu leisten hätte und an ein Honorar erst gar nicht denken bräuchte, waren wir uns einig. Ein Jahr lang war ich mal vier, mal zwei Wochen am Stück vor Ort, habe die Menschen kennengelernt, erfahren, wie es sich anfühlt, auf einem winzigen Fleck Erde inmitten der Nordsee zu leben, abhängig von den Gezeiten, von Wind und Wetter. Entstanden ist der kleine Roman "Himmel über der Hallig".