vor 3 Tagen

Ulrike Renk – Chronistin mit Gefühl

Packende Familiengeschichten, lebensnahe authentische Charaktere und genaueste Recherche – gewürzt mit einer guten Portion Romantik – das ist das Erfolgsrezept von Bestsellerautorin Ulrike Renk (51). WELTBILD-Leserinnen kennen sie bereits aus ihrer sehr erfolgreichen Ostpreußen-Reihe um Frederike von Weidenfels („Das Lied der Störche“, „Die Jahre der Schwalben“ und „Die Zeit der Kraniche“), die auf einer wahren Begebenheit basiert.

Das Markenzeichen von Ulrike Renk: Sie erzählt Geschichten, die das Leben schrieb. Echte Schicksale und Tragödien stecken hinter ihren fesselnden Romanen. So auch bei ihrem neuen Buch „Jahre aus Seide“, das wieder Auftakt zur einer Trilogie ist. Den Stoff dafür entdeckte sie in ihrer Heimatstadt Krefeld. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der Jüdin Ruth Meyer und ihrer Familie.

Ulrike Renk im Interview: "Das Leben schreibt die besten, aber manchmal auch die schrecklichsten Geschichten"

Hat Ihr neuer Roman „Jahre aus Seide“ wieder historische Vorbilder? Schreibt das Leben die besten Geschichten?

Ulrike Renk: Ja, auch die neue Reihe basiert auf einer wahren Familiengeschichte. Ruth Meyer hat in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Krefeld gelebt. Ihre jüdische Familie hat schwer unter dem Pogrom und den Nationalsozialisten gelitten. Von ihren Nachfahren habe ich ihre Tagebücher bekommen – sie sind die Grundlage für die neue Trilogie. Das Leben schreibt die besten, aber manchmal auch die schrecklichsten Geschichten.

Auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie ein altes schwarz-weiß-Foto von Ruth und Ilse Meyer veröffentlicht. Wie sind Sie auf ihre Geschichte aufmerksam geworden?

Ulrike Renk: Als ich letztes Jahr in der NS Dokumentationsstelle „Villa Merländer“ in Krefeld war, stolperte ich immer wieder über Artefakte der Familie Meyer, die nur wenige Meter entfernt gewohnt hatte. Es waren Stoffstücke, Filzblumen, Fotos, Dokumente – eigentlich nur Bruchstücke einer Lebens- und Familiengeschichte. Aber ich hatte gleich einen Film im Kopf. Und dann klingelte es und Larry Wolfson, der Sohn von Ilse Meyer, stand vor der Tür. Er war aus den USA angereist, um seiner Familiengeschichte nachzugehen. Spontan fragte ich ihn, ob ich eventuell über die Familie schreiben dürfe, und er stimmte begeistert zu. Ilse war Ruths jüngere Schwester. Ich nahm Kontakt zu den Nachfahren in Amerika auf und sie schickten mir ganz viel Material, so dass ich nun eine Trilogie über die Familie schreiben kann.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Biographie und Fiktion?

Ulrike Renk: Die Tagebücher, aber auch Interviews und andere Dokumente liegen den Büchern zu Grunde. Dennoch ist das keine Biografie, sondern – wie meine anderen Bücher auch – Fiktion. Viele Fakten und Daten verwende ich, einiges verändere ich – manchmal, weil es zu umständlich wäre, alles zu erklären, manchmal, weil es noch Nachkommen gibt, die nicht alles veröffentlicht sehen wollen. Aber vor allem ist es Fiktion, weil ich den Figuren Leben einhauche – viele (nicht alle) Gedanken und Gefühle kommen aus mir.

Die Figuren und Geschichten kann man vielleicht wie eine dieser Kleiderpuppen aus Draht sehen – der Draht sind die Fakten und ich kleide sie ein und erwecke sie zum Leben … mit Fiktion.

Gibt es bei „wahren“ Geschichten Happy Ends? Oder ist die Realität tragischer als die Fiktion?

Ulrike Renk: Wie im richtige Leben kommt beides vor. Manchmal kann ich mich über glückliche Schicksalsfügungen freuen, aber manchmal eben auch nicht. Was ich nicht mache – ich verändere unglückliche Tatsachen nicht in glückliche, um ein Buch gefälliger zu machen.

„Jahre aus Seide“ ist der Auftakt zu einer neuen Trilogie, die in den 30er Jahren ihren Anfang nimmt. Bis in welches Jahrzehnt werden Sie die Familiengeschichte begleiten? Und steht der Schlusssatz von Band 3 schon fest?

Ulrike Renk: Die Geschichte wird bis in die 50er Jahre erzählt werden. Und nein – ich weiß ja noch nicht einmal den Schlusssatz vom zweiten Band, an dem ich gerade schreibe.

Zum Buch:

1932: Ruth hat eine unbeschwerte Jugend. Die meiste Zeit verbringt sie in der Villa des benachbarten Seidenhändlers Merländer. Sie ist fasziniert von den kunstvoll bedruckten Stoffen, lernt Schnittmuster zu entwerfen und Taschen und Zierrat zu fertigen. Und sie begegnet Kurt, ihrer ersten großen Liebe. Als die Nazis an die Macht kommen, scheint es für sie keine Zukunft zu geben, denn sie sind beide Juden. Kurts Familie trägt sich mit dem Gedanken auszuwandern, auch Ruth soll gegen ihren Willen ihr Elternhaus verlassen. Und dann kommt der Tag, an dem das Schicksal ihrer Familie in Ruths Händen liegt.