vor 7 Monate

Coole Kultrezepte: "Das war spitze!"

Durften bei keiner Party fehlen: Fliegenpilze und Russische Eier sind heute wieder Kult. Die Kochjule zierte Haferflockenpackungen |Fotos: aus "Das war spitze!"

An Ostern lassen wir es uns gut gehen und genießen mit der ganzen Familie und unseren Freunden schöne Stunden. Noch schöner wird die gemeinsame Zeit mit leckeren Gaumenfreuden, wie Russischen Eiern, die sich gut vorbereiten lassen und nach all dem Süßen schnell vernascht sind. Viele weitere Klassiker, um das Ende der Fastenzeit zu feiern, finden sich in "Das war spitze!" mit Kultrezepten aus den 60er, 70er und 80er Jahren. Tauchen Sie ein in die guten alten Zeiten der deutschen Küche.

Eine kulinarische Zeitreise mit viel küchengeschichtlichen Impressionen und noch mehr kultigen Rezepten aus den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland bietet das Retro-Kochbuch „Das war spitze! – Die Kultrezepte der 60er, 70er und 80er Jahre". „Das war spitze!“ war auch der legendäre Ausruf von TV-Moderator Hans Rosenthal in der populären Rate-Show „Dalli dalli“, den er mit einem Luftsprung von sich gab, wenn die Kandidaten mit vielen Begriffen zu einem Thema richtig lagen. Mit dem Kochbuch „Das war spitze!“ liegen jedenfalls alle richtig, die kulinarisch in Altbewährtem schwelgen und gute, alte Zeiten aufleben lassen wollen. Am besten gleich mit dem Rezept für die „Russischen Eier“ mit falschen Kaviar, die bei keiner Party und keinem Familienfest fehlen durften. Wir zeigen Highlights aus drei Jahrzehnten – geprägt vom Mett-Igel über Schinkenröllchen bis zum „Herrmann“ - und verraten, wie Parties essenstechnisch gefeiert wurden.

Das war spitze! Die Kultrezepte der 60er, 70er und 80er

Eine kulinarische Zeitreise

Neben jeder Menge leckerer Rezepte aus drei Jahrzehnten hat das Kochbuch viel Historisches zu bieten: Los geht es in den 50ern. Bereits 1952 öffnete die erste Pizzeria in Deutschland. Die Deutschen entdeckten die Pizza, während die Amerikaner sich zur gleichen Zeit lieber an Spaghetti labten. In der „Bier- und Speisewirtschaft Capri“ bildete Nicolino de Camillo damals aus Pappmaschee die berühmte „Blaue Grotte“ nach und benutzte eine Gondel als Theke. Noch heute ist die „Blaue Grotte“ in Würzburg Kult.

Spaghetti und Tomatensoße beim Italienerzu essen, war bei der Jugend in den 60ern Kult, bei den 68ern sogar Protest, galten sie doch als Alternative zur „bourgoisen“ Küche. Zusammen mit den Gastarbeiten kamen aber neben italienischen Nudelgerichten auch Cevapcici und Djuvec Reis aus dem damaligen Jugoslawien in Gasthäusern auf die Teller, und hinterher der Slivowitz vom Wirt in die Gläser. Auf den heimischen Tisch dagegen kam erstmal die Serbische Bohnensuppe.

Direkt weiterlesen:

Die Kultrezepte der 60er

Die 70er Jahre: Ein Hoch auf die Dose

Die 80er Jahre: Siegeszug der Pasta

Rezept Russische Eier

Russische Eier

Kalte Ente als Getränk, Russische Eier, Mett-Igel und Toast Hawai für die Gaumenfreuden - bei der 70er-Jahre-Party waren Mayonnaise und falscher Kaviar ein Muss. Besonders lecker und eine Augenweide waren und sind die Russischen Eier:

Diese Eier mit viel Garnitur heißen so, weil „Kaviar“ (für diese Zwecke tut es auch der falsche Kaviar) unbedingt mit dabei sein muss. Welche sonstigen Dekorationsmöglichkeiten man wählt, ist der eigenen Kreativität überlassen. Die Füllung erfordert jedoch einige Übung – imsbesondere ein hart gekochtes Eigelb durch ein Sieb zu pressen. Der Anblick danach belohnt jedoch alle Mühen.

Sie sehen lecker aus und sind es auch: Russische Eier brauchen aber ein bisschen Zeit und Geduld.

Russische Eier

Zutaten
Für zwanzig Stück

10 hart gekochte Eier
75 g Mayonnaise
1 Teelöffel Senf
schwarze Oliven
1 Teelöffel Sardellenpaste
schwarzer Kaviar
1 Teelöffel Tomatenmark
einige Alaska-Seelachs-Scheiben

darüber hinaus:
1 feinmaschiges Sieb
Zubereitung
  1. Die hart gekochten Eier kalt abschrecken, damit sich die Schale gut löst und danach abkühlen lassen.
  2. Nach dem Schälen die Eier vorsichtshalber kurz waschen, damit keine Schale zurückbleibt.
  3. Dann halbieren und den Eidotterin eine Schüssel geben.
  4. Alle Dotter durch ein feines Sieb in eine zweite Schüssel pressen und mit der Mayonnaise gut vermischen.
  5. Diese Masse dient als Grundlage für die Füllungen. Drei gleich große Mengen daraus machen und zu einer Füllung Senf, zu der zweiten Sardellenpaste und zur dritten Tomatenmark geben.
  6. Die drei Füllungen mit einem Spritzbeutel in die Eiweißhälften spritzen. Auf die Senfmasse eine Olive setzen, zur Sardellenpaste passt der Kaviar und auf der rötlichen Tomatenmark-Füllung machen sich die knallig orangefarbenen Seelachs-Scheiben hervorragend.

Quelle: Das war spitze! Die Kultrezepte der 60er, 70er und 80er Jahre, Weltbild 2019

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Die Kultrezepte der 60er

Über die Gastarbeiter gelangten in den 60ern immer mehr damals exotische und heute gängige Rezepte in den Fundus unserer Küche und damit in das Buch – aber auch die „Pfälzer Schlachtplatte“ darf dort nicht fehlen, schließlich stand vielerorts noch die Hausschlachtung auf der Tagesordnung. Sonntags blieb mit zunehmendem Wohlstand immer öfter mal die Küche kalt, denn man ging in den Wienerwald – und genauso hieß das geflügelte Wort dazu. Der Vater versammelte die ganze Familie zu Wiener Schnitzel oder Brathähnchen mit Pommes Frites und Salat. Das schmeckte, alle wurden satt und die vierköpfige Familie hatte einschließlich Getränke für aufgerundet 20 DM ein komplettes Sonntagsmenü genossen. „Das musst du auch mal machen", hieß es dann immer wieder von den Kindern zuhause und die Fritteuse hielt Einzug daheim.

Heute eher die Ausnahme, damals die Regel: Sonntags Schnitzel, freitags Fisch, dazwischen „Mehlspeise“ das war noch bis in die 60er Jahre der klassische Mittagstisch. Fisch war damals vielfach noch günstiger als Fleisch, Hering galt als das „Fleisch der Armen“. Die Top 5 der Meeresfische auf dem Speiseplan waren:

  • Hering (50 Prozent)
  • Rotbarsch, Kabeljau, Seelachs und Schellfisch (die übrigen 50 Prozent)

Was heute selbstverständlich scheint, war damals die Ausnahme: Erst gegen Ende der 60er kamen nämlich die panierten Fischstäbchen auf den Markt, die sich wegen der schnelleren Zubereitung, gerne mit Kartoffelbrei aus der Tüte, rasch immer größerer Beliebtheit erfreuten. Einheimische Süßwasserfische spielten dagegen noch keine große Rolle im Handel und auf dem Speiseplan.

Auf die Sammelleidenschaft der Kinder setzten Rama, Sanella und Köllnflocken zur Absatzförderung. Sammelbände wie „Bi-Ba-Butzemann – Die schönsten Kinderlieder“, „Alle Vögel sind schon da“, „Olympische Spiele 1960“, „Wundersame Tierwelt“, „Gut Freund mit Tieren, Band I und II“ kamen aus dem Haus der Flocken und wurden eifrig mit Bildchen beklebt. Da mussten passende Rezepte her, wie etwa die „Haferflockensuppe“, um all die Tüten, die neben Haferflocken die begehrten Sammel-Bildchen bargen, auch zu verbrauchen, .

Fast schon legendär: Kalte Platten-Partyfood der 60er und 70er Jahre

Zu Hawaii-Toast, Party-Igeln, Russischen Eiern, „Fliegenpilzen“, Schinkenröllchen mit Spargel kamen Butterrosen und Butter-Igel. Kunstvoll ausgestochen wurde selbst das Brot, Obst und Gemüse waren mit reichlich Fantasie geformt und alles zu kalten Platten arrangiert. Was wäre die Party ohne Wurst-Schaschlik und Ragout fin, Götterspeise oder Kaltem Hund gewesen?

Serviert wurde übrigens in der häuslichen Keller-Bar. Casual Look war verpönt. Wer eingeladen war, erschien in Anzug und Krawatte bzw. im „guten“ Kleid. … und was am Ende übrig blieb wurde „eingetuppert“, ein Muss in Zeiten, in denen Einmachen und Einkochen noch eine Selbstverständlichkeit war.

Die 70er Jahre: Ein Hoch auf die Dose

Die schnelle Küche benötigt nur zwei Dinge: „einen guten Dosenöffner und eine Dose mit leckerem Inhalt.“ Dieses Zitat aus einem Kochbuch der 70er-Jahre lässt zeigt den Zeitgeist, der durch die Küchen weht. „Wir glaubten an Dosen und an Fertiggerichte. Lieber eine Dose mit Champignons aufmachen als frische Champignons zubereiten. Und manche Früchte, wie Ananas, gab es noch gar nicht verlässlich frisch zu kaufen. So griffen wir automatisch zur Dose. Und zur Mikrowelle. Tatsächlich gibt es sogar Anleitungen für die Mikrowelle, wie „Ravioli mit Champignons“ zu kochen waren, natürlich beides aus der Dose, gesund aufgepeppt mit ein gehackter Petersilie. Wir fanden es einfach modern, mit der Mikrowelle zu kochen und hinterfragten relativ wenig, wussten vieles noch nicht und wollten es auch nicht wissen. Bequemlichkeit hatte Priorität,“ wissen die Autoren von „Das war spitze!“.

Kein Mangel herrschte an Eiern: Eier im Salat, Eier zum Dekorieren, Eier im Braten, Rouladen mit Eiern, Eier verquirlt und über allem, was man in einer Pfanne zubereiten kann, Eier in der Mayonnaise, Eier in den Süßspeisen, Eier als Hauptgericht und sogar rohes Eigelb im Drink. Selbst die Kuchenrezepte strotzten vor Eigelb und Eiweiß. Cholesteringefahr – ach,was, geschenkt! Heute wissen wir – so falsch lagen wir damals damit gar nicht. Neuere Forschungen zeigen, dass die kleinen runden Allrounder tatsächlich nicht das Cholesterin in die Höhe treiben.

Immer wieder sonntags: Kaffee und Kuchen

Woran merkten wir, dass Wochenende war? Kuchenduft zog durch das Haus. Ein Wochenende ohne frischen Kuchen war fast nicht vorstellbar. Zum Sonntagsritual gehörten Kaffee und Kuchen – mit der ganzen Sippschaft. Der Kaffee mit Hand aufgegossen und in einer blümchenverzierten Kaffeekanne serviert. Von wegen Frischmilch, Kondensmilch mit dem Bärchen musste es sein, und der Kuchen immer reichlich verziert. Das Geschirr opulent mit Blumen, alles in Rot, Orange, Dunkelgrün oder Brauntönen – und von den Küchenfliesen grüßte die Pril-Blume. Der Sonntag gehörte der Familie - wir Kinder spielten am Wochenende nicht mit anderen Kindern. Es gehörte sich damals nicht, woanders anzurufen oder gar zu klingeln.

70er-Jahre-Party: Aber bitte mit Mayonnaise

Nicht fehlen durften neben der obligatiorischen Mayonnaise in Salaten und auf den belegten Brötchen die bunten Spießchen, Toastbrothalter oder Butterdöschen und Bleikristall-Schalen. "Die Flower-Power-Fraktion hörte Hair, Janis Joplin, Jimi Hendrix und alle anderen Woodstock-Stars. Sie diskutierte bei viel Qualm über Krieg und Frieden, Atomkraft, den Kalten Krieg und die Baader-Meinhof-Gruppe und summte nebenbei „Sind so kleine Hände“ (1978) von Bettina Wegener", erzählen die Autoren. Es brannten Kerzen, deren Wachs an leeren Weinflaschen heruntertropfte. Auf den Tisch kamen das obligatorische Teeservice und die Räucherstäbchen.

Die 80er Jahre: Siegeszug der Pasta

Kartoffel ade, Nudel juhe – dem Trend zur schnellen Küche war wohl der Siegeszug der Nudel in den 80er zu verdanken. Pasta, egal in welcher Form ist heute aus der Küche nicht mehr wegzudenken. Der kulinarische Horizont wuchs weiter. Wir lernten nicht nur griechisch, sondern auch mit Stäbchen zu essen.

Nach den ersten Umweltskandalen wurde der „Öko-Knigge“ einer der Dauer-Bestseller und Bioläden schossen aus dem Boden. Ladenbaudesign hatten die improvisierten Läden wenig zu bieten, und auch das Angebot wies noch viele Lücken auf. Die ersten Müsli-Esser traten auf den Plan – und wer hier dazu gehören wollte, für den war die eigene Getreidemühle ein Muss.

Mit dem 1. Mai 1986 wurde alles anders. Mit der Reaktorkatastrophe von Tschnernobyl kam der radioaktive Regen über Europa. Wochenlang herrschten Angst und Sorge. Überall im Land traten die Geigerzähler auf den Plan: Kinder sollten nicht draußen spielen und Frisches wurde mit großen Misstrauen – zu Recht – verzehrt. Denn von der Erdbeere über den Champignon bis zur zur Rehkeule erschien damals alles verdächtig, was im falschen Jahr das Licht Mitteleuropas erblickt hatte. Heute kennen wir die Spätfolgen, damals konnten wir sie nur erahnen.

Nach dem Schrecken der 80er Jahre, eroberte ein fröhlicher Kult mit Kettenbriefcharakter die Küchen. „Hermann“, ein Kuchenteig, machte eine steile Karriere. Wer einen Hermann geschenkt bekam, sollte nur die Gebrauchsanleitung fotokopieren und später zusammen mit einem „Hermann-Baby“ weiterverschenken. Die Kuchenbasis musste täglich gepflegt und gelegentlich gefüttert werden, allerdings auch nicht zu sehr, sonst rächte er sich mit Null-Wachstum.

Die 80er-Jahre-Party: Eher schnell als aufwendig

Sie stand unter dem Motto "Jeder-bringt-was-mit" und war das Pendant zu den Bottle-Partys. Das Spontaneitätsprinzip regierte. Ob man zu der Fete ging oder nicht, entschied sich oft erst am gleichen Abend – und damit auch, was man brachte. Also auf jeden Fall nichts Besonderes. Abgestimmte Menupläne – komplette Fehlanzeige. Schließlich besaß man weder Handy noch E-Mail. Sogar Anrufbeantworter hatten noch etwas Skurriles.

Da sah es zum Jahresausklang in den 80ern schon anders aus: Fondues waren bei Neujahrsfeiern erste Wahl. Ein großer Tisch, Freunde versammelt um einen brodelnden Topf - und der Jahresabschluss war perfekt.

Noch viel mehr über 30 Jahre Leben zwischen Topfdeckeln, Lebensfreude und Esskultur sowie jede Menge Rezepte aus diesen drei Jahrzehnten entdecken Sie jetzt in der Weltbild-Ausgabe „Das war spitze!“ .