vor 7 Monate

„Schreiben wie im Rausch“: Iny Lorentz im Interview

(c) FinePic Helmut Henkensiefken

Sie sind DAS deutsche Bestseller-Duo, wenn es um historische Stoffe mit starken Heldinnen geht: Iny Lorentz – alias Iny und Elmar. Seit ihrer Erfolgsreihe um „Die Wanderhure“ Marie, deren Geschichte auch fürs Fernsehen verfilmt wurde, hat das Autoren-Ehepaar einen Historienroman nach dem nächsten veröffentlicht – von der „Wanderapothekerin“ bis zur „Fürstin“ – alle mit großem Erfolg. Und sehr viel Rechercheaufwand! Denn die Autoren sind bekannt dafür, dass sie – egal ob Mittelalter oder 19. Jahrhundert – ganz in der historischen Epoche aufgehen und akribisch recherchieren. Für ihren aktuellen Roman, "Die Widerspenstige", der jetzt als Weltbild Ausgabe erschienen ist, haben sie sich auf die Spuren des türkischen Feldzugs gegen Wien begeben. Die titelgebende, widerspenstige Heldin ist die 17-jährige Johanna von Allersheim (alias Jan), die - als Jüngling verkleidet - vor Intrige und Zwangsehe flieht und schließlich in die Schlacht des polnischen Heeres gegen die Türken zieht.

Auf den Spuren der „Widerspenstigen“ - Iny Lorentz im Interview zum neuen Roman

Weltbild: Die Geschichte der kämpferischen Johanna erinnert entfernt an Johanna von Orleans. Ist die Namensgleichheit Absicht? Inwiefern ist Johanna widerspenstig aus dem Blickwinkel ihrer Zeitgenossen? Ist sie nicht einfach mutig?

Iny Lorentz: Die Titelfindung ist die Sache des Verlags. Unser Arbeitstitel lautete "Die Flügelhusarin". Im Verlag war man der Ansicht, dass Johanna sehr widerspenstig wäre, daher hat man sie so genannt. Für ihre Zeitgenossen war sie sicher auch widerspenstig. So entfloh sie einer für sie arrangierten Ehe, kleidete sich wie ein Mann und geriet sich oft genug mit ihrem von König Jan Sobieski bestimmten Vormund Adam Osmanski in die Haare. Die Namensähnlichkeit mit Jean d'Arc ist zufällig!

Historische Grundlage des Romans sind die Türkenkriege zwischen dem Osmanischen Reich und dem christlichen Europa mit dem Höhepunkt der Belagerung Wiens Ende des 17. Jahrhunderts. Was macht diese Epoche aus Ihrer Sicht so spannend für einen Roman?

Iny Lorentz: Der gesamte Hintergrund des türkischen Feldzugs gegen Wien, wie auch die Reaktion darauf in den christlichen Reichen war faszinierend. Kara Mustapha Pascha setzte die geballte Kraft eines gewaltigen Imperiums ein, um Wien, die Hauptstadt des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, zu erobern. Seine Pläne reichen jedoch weiter. Von Wien aus wollte er große Teile Mitteleuropas erobern und sogar bis nach Rom ziehen, um auf dem Petersdom das Kreuz durch den Halbmond zu ersetzen. Seinem riesigen Heer von über 100.000 Kriegern (mit Tross 200.000 Menschen) stehen zunächst nur wenige Tausend kaiserliche Soldaten in Wien und ein kleines Heer unter Karl von Lothringen gegenüber. Nur mit diplomatischer Meisterleistung gelang es damals, Polens König Jan III. Sobieski, die Kurfürsten Johann Georg von Sachsen und Max Emanuel von Baiern, sowie die Standesherrn des fränkischen Reichskreises dazu zu bringen, ein Entsatzheer aufzustellen.

Ihnen ist wichtig, dass an der Wahrheit - bei aller Fiktion des Romans - nicht gerüttelt wird. Beugen Sie nie Fakten zugunsten der künstlerischen Freiheit? Sind alle Daten, historischen Personen und Schauplätze belegt? Wo und wann verschwimmt die Grenze?

Iny Lorentz: Die historischen Daten und Abläufe dürfen im Roman nicht verändert werden. Wir bauen unsere eigenen Protagonisten vorsichtig in die jeweilige Handlung ein. Sie agieren dort jedoch in der Art, dass sie nur Dinge tun und Entscheidungen treffen, die mit der historischen Wahrheit übereinstimmen.

Johannas Weg führt sie von Burg Allersheim nach Polen, wo sie auf die Hilfe der Familie ihrer verstorbenen Mutter hofft. Sie findet Zuflucht bei Adam Osmanski, einem entfernten Cousin und polnischen Festungskommandanten. Sie waren selbst vor Ort auf Recherchereise in Polen – was haben Sie vor Ort entdeckt und erlebt, was Ihren Roman bereichert hat?

Iny Lorentz: Die Recherchereise durch Polen war schlichtweg beeindruckend. Wir hatten mit unserer polnischen Entdeckerin Urszula Pawlik eine ausgezeichnete Führerin, die in Zusammenarbeit mit Elmar eine genaue Route plante und auch die Orte nannte, die für den Roman wichtig werden könnten. Urszula vermittelte für uns Treffen mit polnischen Historikern, Museumsdirektoren und -direktorinnen und verschaffte uns Sonderführungen durch Museen. Dabei kam uns ihre Bekanntheit als Moderatorin von Literatursendungen in Radio und Fernsehen mehr als einmal zugute.

"Schreiben ist wie ein Rausch"

Viele Ihrer Leser beschreiben Ihre Romane als Kino im Kopf – die Handlung spielt sich farbenprächtig und mitreißend vor dem inneren Auge ab und auch 700 Seiten lesen sich weg im Nu. Haben Sie selbst beim Schreiben auch Kopfkino? Stellen Sie sich vor, welche Schauspielerin Johannas Figur verkörpern könnte? Würden Sie sich freuen, wenn Ihr literarisches Werk wieder verfilmt würde?

Iny Lorentz: Schreiben ist wie ein Rausch. Die Geschichte läuft im Kopf ab und die Finger haben Mühe, sie so schnell, wie sie ausgedacht wird, in den Computer einzutippen. Beim Schreiben ist man unmittelbar dabei und erlebt das Schicksal der Protagonisten geistig mit. Elmar ist berüchtigt dafür, dass er missmutig in die Küche kommt und auf Inys Fragen gar nicht oder nur mit einem Brummen antwortet, weil die Geschichte in seinem Kopf weiterläuft und er am liebsten vierundzwanzig Stunden am Tag am Computer sitzen würde. In der Hinsicht ist es fast noch mehr als "Kopfkino". Man ist ein Teil der Geschichte, auch wenn man als Person nicht auftaucht. Was weitere Verfilmungen betrifft, so sagen wir nicht nein, wenn es dazu kommen sollte. Wir können aber nichts beeinflussen und konzentrieren uns daher voll auf unsere Romane.

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