Martin Sheen

Als siebtes von zehn Kindern "einer ziemlich armen Familie", wird Martin Sheen am 3. August 1940 in Dayton, Ohio, geboren. Seine irische Mutter stirbt sehr früh und sein Vater, ein spanischer Einwanderer will eigentlich einen Priester aus Martin Sheen machen. Aber der Immigrantensohn vermasselt absichtlich die Aufnahmeprüfung für das College - er hat vor, Golfprofi zu werden.

Doch nachdem er bei einem Vorlesewettbewerb im Fernsehen, es sind Bibelstellen zu zitieren, den ersten Preis gewinnt, richtet sich sein Blick auf eine Schauspiellaufbahn. Er ändert seinen bürgerlichen Namen Ramon Estevez und benennt sich nach einem von ihm sehr bewunderten TV-Prediger, dem Bischof Fulton J. Sheen.

Als 19jähriger verlässt Martin Sheen Dayton und schließt sich 1959 in New York dem legendären Living Theatre unter Julian Beck und Judith Malina an. Mit dem Avantgarde-Theater tingelt er bis nach Europa. 1961 heiratet Martin Sheen Janet Templeton, eine Absolventin der New Yorker New School for Social Research.

Die junge Familie wächst stetig, Emilio Estevez wird 1962 und Charlie Sheen im September '65 geboren. Weitere Kinder sind Ramon Jr. und Renee. Um die Familie finanziell über Wasser zu halten, muss sich Martin Sheen mit diversen Nebentätigkeiten herumschlagen. Ganz dem "american dream" entsprechend, befinden sich darunter so lukrative und anspruchsvolle Jobs wie Autowäscher, Platzanweiser und Bürobote bei American Express.

Im März 1964 hat Martin Sheen sein Debüt an einem regulären Broadway-Theater und bis Ende der 60er Jahre hat er sich zum viel beschäftigten und gefeierten Star der New Yorker Theatermeile hochgespielt. Nebenbei beginnt seine Laufbahn vor der Kamera. Meist spielt er einsame Helden und Versager in Krimiserien wie "The F.B.I.", "Hawaii Five-0" und "Mission: Impossible". Erstmals auf der Leinwand ist der mittlerweile 27jährige Sheen in "Incident" zu sehen.

In dem Film von Larry Peerce, der auch bei den ersten Folgen der Kult-TV-Serie "Batman" Regie führte, spielt er den jugendlichen Schläger Artie Conners. Mit seinem Kumpan (Tony Musante) terrorisiert er die Passagiere einer steckengebliebenen U-Bahn. Alle Fahrgäste schauen nur zu, als die beiden Halbstarken einen Homosexuellen zusammenschlagen. Nur einer wehrt sich und bietet den beiden Paroli. Der beklemmende und gewalttätige Film gilt als einer der ersten Großstadt-Independents und ist heute aktueller den je.

Bald ist Martin Sheen wieder in einem Off-Hollywood-Film zu sehen: 1968 wird die Produktion "Rosen für die Lady" von dem Belgier Ulu Grosbard realisiert. Das bittere Familiendrama bringt Sheen im folgenden Jahr seine erste Nominierung als bester Nebendarsteller für den Golden Globe ein. Schon 1965 hatte er den jungen Weltkriegs-Veteranen Timmy Cleary in dem gleichnamigen Theaterstück von Frank Gilroy dargestellt. Doch es werden noch 4 Jahre vergehen, bis Martin Sheen ein breites Kinopublikum erreicht. Und es wird wieder die Rolle eines jungen, aggressiven und verzweifelten Menschen am Rande der Gesellschaft sein, die er innehat.

Mit dem Außenseiterdrama "Badlands", unter der Regie von Terrence Malick ("Der schmale Grat"), gewinnt Martin Sheen 1973 bei den Filmfestspielen im spanischen San Sebastian seinen ersten Darstellerpreis, was auch in Europa Neugier auf seinen Namen und Charakter weckt. An der Seite von Sissy Spacek spielt Sheen den Massenmörder Kit Carruther und die beiden begehen auf ihrer Flucht durch die Badlands von Montana eine Reihe von wahllosen Morden. Noch heute schwärmen viele Cineasten von dem Kultfilm und behaupten, dass es ohne diesen weder "True Romance" noch "Natural Born Killers" gegeben hätte.

In seinem nächsten Film spielt Sheen erneut den Bösewicht. Unter der Regie von Nicolas Gessner kommt er als Frank Hallet in "Das Mädchen am Ende der Straße" der 13jährigen Ryann (Jodie Foster) zu nahe.

Seit 1969 brütete Regisseur Francis Ford Coppola bereits mit seinen Freunden von der Filmhochschule, George Lucas ("Krieg der Sterne") und John Milius ("Conan der Barbar") an der Idee, Josef Conrads Roman "Heart of Darkness" in Vietnam zu verfilmen. Dem Geldgeber Warner Brothers wird es aber zu heiß, im damaligen Kriegsgebiet zu drehen und das US-Studio zieht sich aus dem Projekt zurück.

Coppola muss warten, bis er selbst 1979 in der Lage ist, durch den Erfolg von "Der Pate" und "Der Pate II", das Projekt zu realisieren. Allerdings im Dschungel auf den Philippinen, denn die politische Lage erlaubt es nicht, in Vietnam zu drehen. Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Star Marlon Brando hat 50 Pfund zugenommen und weigert sich, so übergewichtig abgelichtet zu werden. Er erlaubt nur Aufnahmen im Halbschatten oder Gegenlicht.

Auch muss Harvey Keitel, der zweite Hauptdarsteller, ersetzt werden. Schon vorhandenes Material ist wertlos und muss neu gedreht werden. Das Geld wird immer knapper, Martin Sheen ist billig und frei - und so kommt er zu der Rolle des Captain Willard in dem Vietnam-Epos "Apocalypse Now". Seine eindrucksvolle, beängstigende Darstellung bringt ihm weltweit Anerkennung - wobei nicht alles gespielt war.

"Zu dieser Zeit war ich wie ein sehr verwirrter Jugendlicher. Ich trank, kiffte und war immer aggressiv, und das kann man in dem Film auch sehen... Ich wurde ernsthaft krank und gelangte an die Schwelle des Todes. Ich hatte Bewusstseinsstörungen und gleichzeitig eine Identitätskrise." Sheen verlangt nach einer Herzattacke, einen Priester und erhält die letzte Ölung. Die Dreharbeiten müssen wieder für mehrere Wochen unterbrochen werden, bis sich der inzwischen 38jährige von seinem Zusammenbruch erholt. Und es wird mit Martin Sheen zu Ende gedreht. Coppola erhält für "Apocalypse Now" 1979 in Cannes die Goldene Palme, je einen Oscar für Kamera und Sound, sowie 1980 mehrere Golden Globes.

Bis heute gilt das Werk als einer der bester Kriegsfilme aller Zeiten. Auf die Frage, ob die Figur des labilen Captain Willard eine Metapher für seine Krise war, antwortet Sheen in einem Interview 20 Jahre später: "Ich denke schon. Damals habe ich es nicht verstanden... Eines Tages fragte ich unseren Regisseur Coppola, wer denn die Person Willard sei und er antwortete, 'Du, Martin, du!'"

Martin Sheen findet aus seinem Chaos, er setzt sich wieder mit dem Katholizismus auseinander und beginnt sich sozial und politisch zu betätigen. Seine Gage für die Rolle als Journalist in Richard Attenboroughs Monumentalfilm "Gandhi" (1982) spendet er Mutter Theresa. Außerdem unterstützt er Kampagnen gegen die Obdachlosigkeit in den USA. Nach der geistigen Grenzerfahrung im Dschungel von Südost-Asien, fügen sich seine unterschiedlichen Persönlichkeiten zu einer Person zusammen: Der streng katholisch erzogene, spirituelle Martin Sheen - der geniale Schauspieler - der sozial engagierte Idealist, der ihm das Etikett "Das soziale Gewissen Hollywoods" einbringt - und der Rebell, den er bis dahin so oft im Theater oder auf der Leinwand verkörperte.

Seine Teilnahme an Blockaden und Widerstandsaktionen gegen die Lateinamerika-Politik der amerikanischen Regierung bringen ihm nicht weniger als 69 Verhaftungen und Anzeigen ein. In seinen Verträgen steht ein Passus, der ihm erlaubt, drehfrei zu nehmen, wann immer er an einer Demonstration teilnehmen möchte. Man stelle sich vor, Uwe Ochsenknecht bricht einen Dreh in Babelsberg ab, um gegen die Castor-Transporte zu protestieren...

Vor der Kamera ist Martin Sheen produktiver denn je. Nach mehreren Rollen in Horror-Filmen, meist Stephen-King-Adaptionen wie David Cronenbergs "Dead Zone" (mit Christopher Walken) oder "Der Feuerteufel" (mit der 9jährigen Drew Barrymore in der Titelrolle), trifft Sheen in "Wall Street" zum erstenmal mit seinem zweitältesten Sohn Charlie Sheen vor der Kamera zusammen.

In dem Börsendrama von Oliver Stone spielt Sheen - wie sollte es anders sein - den Vater des ehrgeizigen Börsenmaklers Bud Fox, der von seinem Charlie dargestellt wird. Michael Douglas erhielt hierbei für die Darstellung des skrupellosen Finanzhaies Gordon Gekko seinen ersten Oscar.

Der ganze Nachwuchs aus dem Hause Sheen ist mittlerweile im Filmgeschäft gelandet. Der älteste, Emilio Estevez ("Repo Man", "Mission: Impossible") ist ebenfalls Darsteller und führt mittlerweile auch Regie ("Men at Work", 1990). Während Papa Sheen die anspruchsvollen Rollen mittlerweile lieber in TV-Serien verkörpert.

Mit großem Erfolg spielt Martin Sheen in der White-House-Parodie "The West Wing" den fiktiven US-Präsidenten Josiah Bartlet, 2001 wird er dafür mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Obwohl er nicht viel von dem aktuellen Präsidenten der USA hält: "Er ist eine schlechte Comicfigur und ein Depp", so Martin Sheen in einem Interview über George W. Bush. Und wer weiß, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind schon ganz andere Schauspieler Präsident geworden - Ehrenbürgermeister von Hollywoods Nobelvorort Malibu ist Martin Sheen bereits.

Seit April 2001 konnten ihn seine deutschen Fans wieder im Kino erleben. In der bizarren Komödie "Texas Story" von Drehbuchautor und Regisseur W. Blake Herron hat Martin Sheen den Part des alten Patriarchen Grandpa Sparta. Der ist zwar nun endlich tot - aber hinterläßt mit seiner bösartigen Lebensbeichte Stoff für ein ausgewachsenes Familienchaos.

Martin Sheen gehört nun zur alten Garde Hollywoods. Zu jenen Männern, die eine interessante Mischung aus Erfahrung und Idealismus in sich vereinen. Der Bühnencharakter - wie auch der echte - ist hart erarbeitet. Er ist ausgereift, da gibt es nichts mehr zu rütteln. Und gerade diese Endgültigkeit gibt Martin Sheen eine Gelassenheit, mit der er viele überzeugt. Nicht nur auf der Bühne, auch mit seinen sozialpolitischen Stellungenahmen. Sein Verantwortungsbewußtsein als Mensch zeichnet ihn aus und hat durchaus Vorbildcharakter. Hoffentlich hinterlässt es auch bei den "Kritisierten" etwas Eindruck...

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