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Wenn der Maskenmann am Bett steht

... dreht das Kopfkino durch. Sabine Thiesler über ihren spannenden Thriller

Das Buch "Verschwunden" von Sabine Thiesler spielt – wie viele ihrer Erfolgsromane – in der Toskana. Die Autorin ist seit 2006 Dauergast auf den Bestsellerlisten von SPIEGEL und STERN

Der Alptraum jeder Frau

War da nicht gerade ein Geräusch? Kann ja eigentlich nicht sein, Sie sind allein, es ist mitten in der Nacht, was soll da schon sein? Und dann sehen Sie sie plötzlich: die schwarze Silhouette eines Mannes an Ihrem Bett. Er trägt eine Maske.
Das ist die Sorte Alptraum, mit der Thriller-Autorin Sabine Thiesler unsere Nerven zum Vibrieren bringt. Derweil ist Thiesler selbst – wie Sie im Interview weiter unten verrät – ein durch und durch ängstlicher Mensch: "Ich sehe Gefahren, wo sie anderen niemals in den Sinn kämen. Das ist gut für meine Thriller, ganz schlecht für meinen Alltag."
Ihre kriminelle Fantasie macht Sabine Thiesler zu einer der erfolgreichsten Thriller-Autorinnen Deutschlands. Ihr Roman "Verschwunden" bringt das Kopfkino der LeserInnen zum Durchdrehen.

Urlaub ohne Wiederkehr – Worum geht's im spannenden Buch von Sabine Thiesler?

Eigentlich träumt Commissario Neri im schönen toskanischen Örtchen Ambra schon von seinem Ruhesitz am Meer. Doch dann wird er mit einer abscheulichen Verbrechensserie konfrontiert. Plötzlich sitzen verzweifelte Eltern vor seinem Schreibtisch. Die Urlauber Gitta und Elmar Wengler haben das trubelige Dorffest besucht und nun können sie ihren 7-jährigen Sohn Jonas nicht mehr finden, er ist verschwunden. Kurz darauf fehlt plötzlich jede Spur von Elena Ludwig, einer jungen Maklerin, die Commissario Neri eigentlich sein Traumhaus mit Meerblick hätte vermitteln sollen. Während der sympathische, aber glücklose Neri eher im Dunkeln tappt, lässt Sabine Thiesler die LeserInnen direkt in den Kopf des Psychopathen blicken, der hier am Werk ist. Ein verstörender Anblick, der Alpträume wahr werden lässt.

Wie Horror entsteht und warum die sonnige Toskana der perfekte Schauplatz für gruselige Verbrechen ist – Sabine Thiesler im Interview:

Ihr Thriller “Verschwunden” spielt wieder in der Toskana. Eigentlich eine sonnige Urlaubskulisse, kein düsteres Moor weit und breit. Trotzdem gruseln wir uns ordentlich. Welche Rolle spielt der Schauplatz Toskana für Sie?

Sabine Thiesler: Alle meine Thriller spielen in der Toskana, weil ich dort viele Jahre gelebt habe, weil ich mich dort auskenne, weil ich weiß, wie es klingt, wenn in der Mittagshitze die Grillen zirpen und wie es riecht, wenn der Jasmin blüht. Ich weiß, wie die Menschen reagieren, wenn irgendetwas passiert. Und vor allem: Es gibt in der Toskana noch die einsamen Häuser im Wald, die Anwesen auf den Hügeln, manchmal Kilometer vom nächsten Haus oder Dorf entfernt. Wunderbare Schauplätze für gruslige Geschichten. Dort gibt es noch mittelalterliche Bergdörfer und einfaches Leben fernab der Zivilisation.

Einen Psychopathen in solch einer reizvollen Urlaubskulisse fand ich schon immer interessanter als einen Mörder im Parkhaus einer deutschen Großstadt.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden in erster Linie über Ihre eigenen Ängste schreiben. Welche Angst oder welches Thema lieferte die Grundidee für Ihren neuen Thriller „Verschwunden“?

Sabine Thiesler: Sie brauchen nur den Prolog meines Buches zu lesen. Gibt es etwas Schlimmeres? Man schläft in seinem behüteten, geschützten Zuhause, in dem man sich sicher fühlt, und dann steht der Maskenmann vor dem Bett und tut einem Schreckliches an? Ist das nicht die Grundangst jeder Frau, die allein lebt?

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Sie sagen von sich, Sie seien ein eher ängstlicher Mensch und schlüpfen trotzdem regelmäßig in den Kopf von Psychopathen. Wie passt das zusammen? Und was ist Ihr Ausgleich?

Sabine Thiesler: Ich habe eine enorme kriminelle Fantasie, ich stelle mir überall und in jeder Situation vor, was alles passieren könnte..., und daher resultieren meine Ängste. Ich sehe Gefahren, wo sie anderen niemals in den Sinn kämen. Das ist gut für meine Thriller, ganz schlecht für meinen Alltag.

Ich habe mich mein ganzes Leben mit Psychopathen beschäftigt, aber durch mein Schreiben hab ich immer mehr verstanden und meine Ängste bewältigt.

Ich habe mich sozusagen selbst therapiert. Mein Ausgleich ist – wenn Sie so wollen – die Freude am Schreiben.

Ihre Thriller sind keine leichte Kost, aber auch nicht besonders blutrünstig oder explizit gewalttätig. Ist Horror für Sie mehr eine Frage der Fantasie?

Sabine Thiesler: Natürlich. Angst ist der Horror im Kopf. Fantasie, die aus Angst entsteht, ist wahrscheinlich hundertmal schlimmer als das, was wirklich passiert. Und so ist es auch im Buch. Ich muss das Kopfkino, die Fantasie des Lesers in Gang setzen, dann gruselt er sich ohne Ende, ohne dass ich alle Details und Einzelheiten des Geschehens beschreiben muss. Daher ist ein Buch oft auch schlimmer als ein Film. Ein Film zeigt eine Szene, die der Zuschauer als gegeben hinnehmen muss, oder der Regisseur blendet ab.

Aber das Kopfkino des Lesers endet nie und ist oft noch viel schlimmer als die Fantasie des Autors.

Und darum sind Bücher einfach unschlagbar!

Nach inzwischen einem Dutzend Fällen liebäugelt der liebenswerte Commissario Donato Neri in „Verschwunden“ mit dem Ruhestand. Was unterscheidet seine Rolle vom üblichen Thriller-Kommissar?

Sabine Thiesler: Neri ist wirklich ein Unikum. Er engagiert sich für seine Fälle, er tut was er kann, aber irgendwie liegt er immer falsch. Einen Mord interpretiert er als Unfall, einen Unfall als Mord. Seine Ermittlungen laufen ins Leere. Aber eigentlich ermittelt er nie wirklich konsequent und professionell. Natürlich liebäugelt Neri mit dem Ruhestand, aber irgendwie kriegt er das nicht hin, ist nicht dafür gemacht, kann nicht loslassen. Ohne seinen Job würde er kaputtgehen. Ich weiß es selbst nicht, aber ich vermute mal, dass er uns noch eine Weile erhalten bleiben wird. Und das ist gut so. Denn er würde mir unsagbar fehlen!