Andy Serkis

Meine Urinstinkte abzurufen, fiel mir stets leicht, so Serkis. Keine Ahnung, wie ich mich verhalten würde, wenn ich das nicht könnte. Noch animalischer möglicherweise. Unberechenbarkeit ist dem Londoner ins knautschige Gesicht geschrieben, das freundlich, aber auch giftig gespannt im Ausdruck eines Kneipenschlägers sein kann.

Für die meisten Regisseure steckt in ihm ein kleiner oder großer Teufel, weshalb er Diebe, Gangster oder Killer im Abonnement spielen darf. Eine kuriose Karriere für eine Künstlerseele, die eine katholische Klosterschule besuchte. Seine Wurzeln sind in Armenien und im Irak, der Heimat seines Vaters, der in Bagdad viele Jahre eine Arztpraxis unterhielt. Andy und seine vier Geschwister blieben mit der Mutter, die behinderte Kinder unterrichtete, in London, aber jeden Sommer besuchten sie den Vater.

Ich habe mich nie hundertprozentig wie ein englischer Patriot gefühlt, gibt Serkis zu, der als Kind ausgiebig den Nahen Osten bereiste. Heute zieht es ihn nach Italien oder als Gipfelstürmer in die Berge. Mit dabei isr Lorraine Ashbourne, Ehefrau seit 2002 und Mutter seiner drei Kinder. Sie ist Theaterveteran wie Serkis, doch unheimlicher und kaum bekannt ist eine andere Parallele. Bereits 1985 war sie als Kobold in der Bühnenpremiere von The Hobbit zu sehen, 25 Jahre später ist es ihr Mann, der zum Team der Erstverfilmung gehört.

Dabei wollte Andy eigentlich Maler werden, brach das Kunststudium aber früh ab. Nach seinem Darstellerdebüt an der Uni lernte Serkis in der Praxis, spielte 1985 am Theater in Lancaster in 14 Stücken und danach in vielen Aufführungen mit. Darunter in Klassikern, wie als Jago in Othello, aber auch in modernen Dramen von Sam Shepard oder David Rabe.

Seit Ende der Achtziger huschte Serkis unauffällig auch über die Bildschirme, doch der Durchbruch kam auf der Bühne - als Schizophrener, der in Hush vom Geist seines Hundes besessen war. Diese Figur war Folie für Gollum, dem Serkis Stimme und über digitale Sensoren Ausdruck und Motorik gab. Es ist die Rolle seines Lebens, ein virtuoser Wechsel von Aggression und gequälter Einsamkeit, die Serkis als Modell für den digitalen King Kong um Zärtlichkeit erweiterte.

Mehrdimensional durfte er in Fleisch und Blut selten sein. Nach dem Debüt in Prince of Jutland, einer Art Ur-Hamlet, und einer Transvestitenrolle in Die Hölle nebenan lebte er zwielichtig, gefährlich oder brutal Dämonen aus: Spielte Gangster (Stella Does Tricks, Shiner), Kinderfänger (Bill Sikes in der Miniserie Oliver Twist), Mörder (The Escapist), Kinderkiller (TV-Drama Longford), Folterer (Extraordinary Rendition). Nun wird er in Tintenherz als Buch-Bösewicht Capricorn in die reale Welt gelesen.

Sympathie verdiente sich Serkis als Schiffskoch in King Kong, als Junkie-Musikproduzent in 24 Hour Party People, als schwuler Magazinchef, der mit Jennifer Garner in 30 über Nacht den Moonwalk tanzte. Doch Andy, der in drei geplanten Tim und Struppi-Filmen als gutmütiger Captain Haddock sein Karma verbessern soll, bleibt ein Gefangener Gollums.

Zuletzt krächzte er im Ring-Modus You're the one that I want als Gast bei einem Gig von Jack Blacks Band Tenacious D. Doch hinter der Kreatur steht ein Kreativer, der zwei Filme als Regisseur in Planung und als Darsteller ein großes Spektrum hat. Gollum, King Kong und im Fernsehen Albert Einstein gespielt - mehr Bandbreite geht nicht.

Weitere Produkte mit Andy Serkis