John Hurt

Frauen bestimmen das Leben des bleichen Briten mit den markanten Tränensäcken. Im Alter von neun Jahren schlüpfte er im Schultheater ins erste Kleid, macht das nach eigener Aussage heute noch gern, war viermal verheiratet und 16 Jahre mit einem Exmodel liiert, das bei einem Reitunfall starb.

In der Ehe gibt er mitunter den "Hellboy", für den er im Comic-Hit Ersatzvater war: "Menschen wie ich, die beruflich ihr Innerstes nach außen kehren, geraten eher in einen Gefühlskampf als in eine Ehe. Ich bin, was nicht überrascht, im Alltag nicht die Idealbegleitung. Aber es gehören immer zwei dazu. Gezwungen habe ich keine."

Sein Pastor-Vater übte größeren Druck aus, verfolgte wie seine Mutter typische Ideale der englischen Mittelklasse. Die Eltern kontrollierten Umgang (keine Arbeiterkinder), Freizeit (Theater immer, Kino selten) und Ausbildung.

Beste Resultate versprach im Kleinbürgerkosmos der strikte, religiös geprägte Albtraumgarant: die englische Internatsschule. "Man erfreute sich mehr an religiösem Krimskrams und christlicher Theatralik als im ganzen Vatikan", witzelt der 65-Jährige über die Zeit der Rosenkränze und Stockschläge.

Mit zwei Brüdern wuchs Little John in einem kleinen Küstendorf mit Kohlenmine auf, studierte zunächst Malerei, überrumpelte dann seine Eltern mit der Nachricht, dass ihn die Royal Academy of Dramatic Arts, die Kaderschmiede für Englands Mimen, aufgenommen habe.

Kurz nach dem Abschluss gelangen ihm Debüts auf der Theaterbühne und im Kino (die britische Uniromanze "The Wild and the Willing"). Zahllose Theater-, TV- und über 100 Filmauftritte folgten.

Als Schauspieler teilt er das Credo von Anthony Hopkins, der sagt: "Ich werde misstrauisch, wenn Schauspieler sechs Monate in einer Klinik verbringen, um einen Kranken spielen zu können." Auch mit Michael Caine hält es Hurt: "Es gibt immer Gründe, eine Rolle anzunehmen, und wenn es nur die Location ist."

Schwache, verdorbene, schmierige, auch verrückte Figuren sind die Spezialität des Kettenrauchers und ehemaligen Profitrinkers, der als TV-Caligula in "Ich, Claudius, Kaiser und Gott" all diese netten Charakterzüge auf einmal verkörperte.

Das Oscar-gekrönte Historiendrama "Ein Mann zu jeder Jahreszeit" machte ihn 1966 bekannt. 1971 brachte Richard Attenborough als "John Christie, der Frauenwürger von London" seine Film-Frau um und ihn hinter Gitter.

Den türkischen Knast erlebte er als gequälter Junkie in "12 Uhr nachts - Midnight Express" (Oscar-Nominierung). Danach knackte das "Alien" sein Brustbein, berührte er als "Elefantenmensch" (Oscar-Nominierung) und als Sündenbock für eine gestürzte Regierung in "Scandal".

In der Orwell-Verfilmung "1984" zeigte er nackte Haut und Seele, in "Rob Roy" Dekadenz und Grabeskälte, in "Love and Death on Long Island" Witz und subtile Charakterfacetten. Diese Thomas-Mann-Variation (alter Mann entdeckt in schlichtem Posterboy wahre Schönheit) gehört wie "The Hit" zu den Lieblingsfilmen des Alec-Guinness-Fans.

Erinnern wird man sich in seinem Nachruf aber an andere. "Vermutlich wird es "Naked Civil Servant" (TV-Porträt von Englands Schwulenikone Quentin Crisp), "Der Elefantenmensch" und auch "Alien" sein ...

"Und dann könnt ihr mich alle vergessen. Denn, wie Beckett schon sagte: Sterben ist nicht genug, man muss auch vergessen werden."

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